Ende der Demütigung. © Florian Spring/Rob Lewis.

 

 

La Cage aux Folles. Jerry Hermann/Harvey Fierstein.

Musical.

Hans Christoph Bünger, Axel Ranisch, Falko Herold, Christian Aufderstroth. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 10. März 2024.

 

> Musical – das heisst leichte, eingängige, mit harmonischen Akkorden unterbaute, rhythmisch angenehme, gut mitsummbare Nummern. Musical bedeutet Augenschmaus mit weitem Schwung bewegter Arme, Beine und Hüften, funkelndem Licht, drehender Bühne, überraschendem Wechsel von Perücken und Kostümen. Musical bedeutet häppchenweises, eher langsames Vorrücken einer Handlung zum Thema Liebe, wo ausgefeiltes Handwerk den Erfolg garantiert. Doch jetzt kommt zu all dem am Berner Stadttheater noch etwas dazu: Steigerung der Intensität durch Steigerung der Menschlichkeit. So erwächst die Rührung aus der Berührung der Herzen. Mit Homoklischees, Künstlichkeit und Tuntenkitsch sagt die "Cage aux Folles": "Liebe Leute, was wir euch erzählen, ist nicht überflüssig. Nehmt es mit nach Hause." Ja, danke. Sie haben uns erreicht. Dafür stehen wir jetzt an der Premiere auf – und nachdem wir das Theater verlassen haben, auch ein. <

 

"Weinerliches Lustspiel" (comédie larmoyante) heisst, literaturgeschichtlich betrachtet, die Gattung, zu der "La Cage aux Folles" gehört. Sie kam vor dreihundert Jahren auf und segelte damals unter dem Oberbegriff "Rührstück". Im Theater wollten die Bürger mit ihren Gattinnen weinen und lachen können. Sie wollten sich auch erbauen in der Gewissheit, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. An den Kontrastfiguren harter, unverständiger Menschen erfreuten sie sich ihrer eigenen Progressivität, Liberalität und Grosszügig­keit. Dass die Handlung stets gut ausging, gehörte zum Aufklärungs­optimismus des 18. Jahrhunderts. Die Bösen gewannen bessere Einsicht und fanden den richtigen, das heisst den versöhnlichen, Weg.

 

Nach dieser Formel funktioniert nun auch "La Cage aux Folles". Die Handlung folgt einem Bauplan, der hinter jedem Drama der klassischen Epoche steht. Die Aufführung beginnt mit der Exposition: Das Publikum wird bekannt gemacht mit der Zeit und den Umständen, in denen das Stück – hier das Musical – spielt. Auf den eisernen Vorhang werden Postkarten-Ansichten von Saint-Tropez geworfen, die bald ins Makabre gleiten: "Aussicht aus meinem Zimmer": Gitterstäbe und eine Mauer. "La Cage aux Folles" nannten die Franzosen ursprünglich ein Gefängnis, in dem Menschen wegen sogenannter widernatürlicher Unzucht eine Freiheitsstrafe verbüssten.

 

Als der sogenannte Päderastie-Paragraph aus dem Strafgesetz­buch verschwand, machten die Insassen aus dem, was sie konnten, einen Erwerb: Sie spielten Schwule für ein zahlendes Publikum. Dazu verwandelten sie ihr Gefängnis in Bar, Nachtklub und Varietée. Der Conférencier (weltmännisch, gewinnend und locker: Tobias Bonn) ist der Direktor des Etablisse­ments, und der Travestiestar, Hauptattraktion des Unter­nehmens, sein Lebens­partner. Die beiden Schwulen ziehen einen jungen Mann auf, Frucht eines längst verbüssten Fehl­tritts in die hetero­sexuellen Gefilde. Jetzt hat sich der 24-Jährige ernst­haft verliebt und kündigt an, er wolle seine Geliebte heiraten.

 

Damit mündet die Exposition in den Konflikt: Der Vater des Mädchens ist ein rechtsextremer Politiker. In seinem Wahl­programm steht zuoberst Schwulenhass. Um ihm die Mitgift und das Ja-Wort zur Heirat seiner Tochter abzugewinnen, müssen die Homos während des Besuchs 24 Stunden lang Hetis spielen. Das verlangt der Sohn; und ab jetzt wogt die Auseinander­set­zung unter den Beteiligten bis zur Pause hin und her.

 

Der erste Teil wird mit einem einzigen dramaturgischen Motiv gefüllt, ohne dass das Interesse erlahmt. An diesem Umstand zeigt sich, wie talentiert die Theatermacher vorgehen. Geschickt ziehen sie alle Strippen – von den zugespitzten Dialogen zu den süffigen Melodien, garniert mit durchrhyth­misierten Licht-, Kostüm- und Kulissen­wechseln bis zu über­raschenden Umschlägen der Situation. (Regie: Axel Ranisch, musikalische Leitung: Hans Christoph Bünger, Bühhnenbild: Falko Herold, Beleuchtung: Christian Aufderstroth.) Das muss man erst mal können: Aus einem inhaltlichen Nichts neunzig unterhal­tende Minuten machen.

 

Wie es sich gehört, endet die Exposition mit dem "erregenden Moment" (in der Kinosprache "Cliffhanger"): Eben sind die sitten­strengen Eltern angekommen; sie stehen hinter der Tür. Der Vorhang schliesst sich zur Pause.

 

Der zweite Teil führt zum Höhepunkt (Klimax): Die unterschied­lichen Weltanschauungen stossen aufeinander. Immer, wenn es einen Konflikt gibt, gibt es Opfer. Im Rührstück ist die am stärksten leidende Person stets die sympathischste und unschuldigste, im konkreten Fall der Partner des Managers, der sich wie eine Mutter für den Ziehsohn aufge­opfert hat.

 

Im effeminierten Transvestiten, der ein Leben lang mit Huch! und Hach! seine Gefühle überlebensgross auszustellen gewohnt war, durchlaufen jetzt Albin alias Zaza tausend feine, oft widersprüch­liche Regungen. Das Seelenporträt aber, das Christoph Marti mit den bewegten Buchstaben der Körpersprache entwirft, gehört zum Wärmsten, Feinsten und Berührendsten, was die Bühne zu bieten hat. So wird durch seinen Beitrag die Bezeichnung "weinerliches Lustspiel" zum Ehrentitel.

 

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