Zeitlosigkeit des Spektakels. © Joel Schweizer.

 

 

Pagliacci. Ruggero Leoncavallo.

Dramma in due atti.

Alexandra Cravero, Dieter Kägi, Dirk Hofacker, Mario Bösemann. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 24. Februar 2024.

 

> Der Premierenapplaus war überwältigend. Die Geschichte der Leidenschaften, die zu Mord und Tod führen, hat das Bieler Publikum hingerissen. Es genoss den Kontrast zwischen grosszügig auffahrenden Chorszenen, bravourösen Akrobatik­nummern, grotesken Clownsmasken und dem blutigen "Ernst des Lebens" – jener Mischung folglich, die Ruggero Leoncavallo im Jahr 1892 seinen grössten (und einzigen) Opernerfolg eingetragen hat. Inzwischen aber ist die Zeit weitergeschrit­ten. Seit MeToo sind Liebeserpressung mit der Waffe, Einschüch­­terung, Drohung, Rivalenmord und Femizid heikle Themen. Beäugt von Politik und Medien, wagt heute kein deutsches Theater mehr, die "Pagliacci" zu bringen, ohne sie zu "problematisieren". Biel/Solothurn aber, auf der Grenze zum französischen Kulturraum, zeigt das "dramma" noch, zum Entzücken seiner Zuschauer, unbelastet vom gegenwärtigen Zeit-Trend weitgehend "werktreu". <

 

In seinen "Pagliacci" behandelte Ruggero Leoncavallo das grosse Thema seiner Zeit: eheliche Untreue. Sie ist der Motor sämtlicher Komödien in der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hunderts, angetrieben von den Kräften "Mannesehre", "weibliche Tugend", "unbefriedigte Bedürfnisse", "gesell­schaft­liches Ansehen" und "heimlicher Beischlaf". Das "befreiende" (wie Freud gesagt hätte) künstlerische Spiel mit den gesellschaft­lichen Codes des Bürgertums führte die Ehepaare zuhauf ins Komödien­haus. Auf Plüschsesseln sassen Gatte und Gattin (Nestroy nannte sie "Ehekrüppel") nebeneinander und lachten im gleichen Moment, aber aus unterschiedlichen Gründen, die sie voreinander verheimlichten.

 

Diese Situation liegt auch dem "Bajazzo" (so der deutsche Titel) zugrunde. Das Stück führt zu einer italienischen Wandertruppe in Kalabrien, dem Süden Italiens. Ihre Mitglieder – im ordentlichen Leben tragen sie die Namen Canio, Nedda, Tonio, Beppo – treten im Gewand der Commedia dell'arte als Bajazzo, Colombine, Taddei und Harlekin auf. Sie spielen auf dem Brettergerüst das Grundthema durch, welches das Publikum ihrer Zeit interessiert und beschäftigt. Doch der Prinzipal unterstreicht: "Wenn ich auch in den Komödien oftmals die Rolle des betrogenen Ehemanns spielen muss, im Leben würde ich eine solche Lage niemals dulden."

 

Doch die Dinge lassen sich auf die Länge nicht auseinander­halten. Das Begehren, mithin "das Lustprinzip" (wie Freud gesagt hätte), "die Sehnsucht" (so der junge Goethe) nach wahrer Liebe und erfüllender Beziehung führen den Konflikt zwischen "ich will" und "du sollst nicht" zum Ausbruch. "Bis zum Abend ... und dann für immer vereint ..." singt das Liebespaar. Doch am Schluss ist es erdolcht. "La commedia è finita."

 

Die Zeitlosigkeit des Konflikts setzt Dieter Kägi mit seiner Inszenierung in die Zeitlosigkeit einer Zirkus- und Variété-Manege. Die Solisten tragen die zeitlosen Kostüme von Artisten, Clowns und Colombinen; der Chor erscheint in der Zeitlosigkeit der gediegenen Gesellschaftsgarderobe (Bühnen­bild und Kostüme Dirk Hofacker). In diesem Rahmen – wie immer klug und subtil ausgeleuchtet von Mario Bösemann – wird die Handlung, wenn auch leicht abstrahierend, was die Orte anlangt, doch im grossen Ganzen so erzählt, wie sie sich Ruggero Leoncavallo, der sein eigener Librettist war, ausgedacht hat. Also "werktreu".

 

Es wäre interessant gewesen, erleben zu können, wie die Vorstellung herausgekommen wäre, wenn sich das künstlerische Team nicht aus den Männern Ruggero Leoncavallo, Dieter Kägi, Dirk Hofacker, Mario Bösemann, Valentin Vassilev (Chorleitung) und Damien Liger (Choreographie) zusammengesetzt hätte. Nach MeToo nämlich schreien die "Pagliacci" nach Dekonstruktion und Frauenperspektive. Aber Biel/Solothurn bringt sie nicht. Damit steht das Theater am Jurasüdfuss mit seiner Zeitlosigkeit neben seiner Zeit.

 

Immerhin liegt die musikalische Leitung in den Händen einer Frau: Alexandra Cravero. Sie dirigiert engagiert und rhythmisch genau, und ihr Stil überträgt sich auf die Sänger. An der Premiere sind zwar einzelne noch nicht ganz locker, doch Altmeister Michele Govi als Bajazzo, Serenad Uyar als Nedda und Leonardo Galeazzi als Silvio (der vor allem) setzen sich in Respekt. Die deutschen Theaterbesucher, die sich seit Jahren danach sehnen, wieder einmal eine Oper so zu sehen, wie sie geschrieben wurde, können jetzt ihren Traum wahr machen, indem sie ein Wochenende in Biel/Solothurn buchen. Aber Achtung: Bei Anreise mit der DB mindestens zwei Stunden Verspätung vorsehen!

 

Der Traum vom Fliegen ... 

... und Lieben ...

... ist eine leere Blase. 

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