Ein Fallschirm aus dem Schnürboden. © Armin Smailovic.

 

 

Der Sturm / Das Dämmern der Welt. William Shakespeare / Werner Herzog. Fassung von Jan-Christoph Gockel und Claus Philipp.

Schauspiel.

Jan-Christoph Gockel. Münchner Kammerspiele.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 8. Januar 2024.

 

> In den Münchner Kammerspielen ist die Vorstellung vom Freitagabend nahezu ausverkauft. Ohne Ungeduld oder Ermüdung zu manifestieren, sitzen Alte und Junge die dreistündige Aufführung reglos ab und bekennen sich am Ende durch kräftigen, langanhaltenden Applaus zu einem zwangsfreien, assoziativ gebauten Theater, bei dem jeder nach Interesse aus- und wieder einsteigen kann. <

 

Eigentlich ist "Der Sturm / Das Dämmern der Welt" gar nicht so modern, wie es einem in den Münchner Kammerspielen vorkommen mag. Die Fassung des Shakespeare-Stücks, die Regisseur Jan-Christoph Gockel und Dramaturg Claus Philipp kombiniert haben mit Werner Herzogs Buch über den japanischen Soldaten Hiroo Onada, der 29 Jahre auf einer Urwaldinsel weiterkämpfte, weil ihn die Nachricht vom Ende des Zweiten Weltkriegs nicht erreicht hatte, gehorcht, ästhetisch gesehen, dem Rat, welchen Johann Wolfgang von Goethe im "Vorspiel auf dem Theater" 1797 dem "Faust" vorangestellt hat:

 

Besonders aber lasst genug geschehn!

Man kommt zu schaun, man will am liebsten sehn.

Wird vieles vor den Augen abgesponnen,

So dass die Menge staunend gaffen kann,

Da habt Ihr in der Breite gleich gewonnen,

Ihr seid ein vielgeliebter Mann.

Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen,

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen;

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus.

Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!

Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;

Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.

Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht?

Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken.

[...]

Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen

Probiert ein jeder, was er mag [= kann];

Drum schonet mir an diesem Tag

Prospekte nicht und nicht Maschinen.

 

Mit diesen Versen hat Goethe prophetisch die Arbeit von Jan-Christoph Gockel und ihre Rezeption umschrieben: "Ihr wisst, auf unsern deutschen Bühnen / Probiert ein jeder, was er mag". An den Münchner Kammerspielen kommt William Shakespeares umfangreiches Schauspiel als "Ragout" in den gleichen Topf wie die Prosa des Cineasten Werner Herzog: "Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!" Die Stelle, von der die Fragmente stammen, kann der Fachmann wohl angeben. Der Laie aber merkt bloss, ob er Schweine-, Rind- oder Lammfleisch isst, das heisst, ob die Szene von Shakespeare, Herzog oder Gockel/Philipp herrührt.

 

"Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht." Mit geschultem Auge erkennen die Woken hinter den Ausschnitten von Herzog und Shakespeare das ewige Thema von Gewalt, Ausbeutung und Krieg, und je nach Interesse und Betroffenheit verweilt die Aufmerksamkeit bei Kants Traktat "Zum ewigen Frieden", der Aufzählung von Herzogs Filmen, Calibans Aufbegehren gegen Prosperos Herrschaft, der Liste der Kriege seit 1945, der Live-Musik der Band, dem Spiel der Marionetten, den Live-Projektionen der Kamera, dem Auftauchen eines verrosteten Schiffswacks aus der Unterbühne oder dem Niedergleiten eines Fallschirms aus dem Schnürboden: "Drum schonet mir an diesem Tag / Prospekte nicht und nicht Maschinen."

 

In der Vielzahl der Aspekte, die der Abend bringt, realisiert das Produktionsteam den Rat: "Die Masse könnt Ihr nur durch Masse zwingen". Der Materialhaufen wird zusammengehalten durch durch die Frage, wie denn Krieg entsteht. Die Antworten sind vielfältig. "Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus." Durch Beifall bekundet das Publikum seinen prinzipiellen Friedenswillen, "und jeder geht zufrieden aus dem Haus".

 

Wie alle aleatorischen Angebote wird das Stück, das keines ist (sondern bloss eine Fassung), den Tag nicht überleben. Das aber hindert nicht, dass jeder einzelne Moment in seiner Gestaltung beeindruckt und stellenweise sogar bannt. Es gibt eben in der Kulturgeschichte, wie wir seit Heinrich Wölfflin wissen, immer zwei Pole: Offene und geschlossene Form; assoziative und logische Verbindung; Breite und Tiefe; Gefühlsansprache und Verstandesklarheit. "Was hilft's, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht? / Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken."

 

Mit der offenen Form, der assoziativen Vorgehensweise, der Breite der Aspekte und der pazifistischen Gefühlsansprache ist "Der Sturm / Das Dämmern der Welt" letzten Endes nicht so modern, wie es einem vorkommen mag, sondern romantisch. Doch "wenn wir das Stück", wie Fontane formulierte, "überhaupt wollen, so müssen wir auch das wollen, was uns an ihm verdross". Anders geht es mit diesem Abend nicht.

 

Ein Schiffswrack aus der Unterbühne. 

Ein Videoelement aus der Live-Kamera.

Und zum Trost eine Zigarette. 

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