Die Zauberflöte. Wolfgang Amadeus Mozart.

Jeffrey Tate, Benno Besson. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, 30. Oktober 1987. Sender Freies Berlin, 31. Oktober 1987.

 

 

(Musik)

 

Die Ouvertüre zur "Zauberflöte". Drei Bläserakkorde, nach der heiligen Dreizahl der Freimaurer, dann eine langsame Streicherintroduktion, mit schmerzhaften Sforzandi. Darauf das Allegro in Form einer Fuge, mit Einsatz der zweiten, dann der ersten Violinen, anschliessend Celli und Klarinetten, zum Schluss Kontrabass und Fagott.

 

(Musik weg)

 

Jeffrey Tate hat das in Genf mit ganz persönlichen Tempi dirigiert, mit ganz persönlichen Akzenten, so dass man von den ersten Takten an spürte: Wir sind Zeugen eines Wunders. Der Dirigent, der sich von Platte zu Platte näher an die Geheimnisse von Mozarts Musik herantastete, dirigiert jetzt mit vollkommener Meisterschaft. Und diese Meisterschaft erlaubt ihm, über die dreistündige Oper einen klaren, absolut stimmigen Bogen zu spannen. Und gleichzeitig erlaubt ihm seine Meisterschaft, in jedem Takt die tiefe Dialektik von Mozart spüren zu lassen, wo Schönheit sich vermischt mit Schmerz, Glanz mit Melancholie, Kraft mit Trauer.

 

Und so lässt Jeffrey Tate die geschwätzige Unverbindlichkeit des Salzburger Mozart-Stils weit hinter sich zurück, und zurück bleibt auch die Oberflächlichkeit von Karajans Brio. So intensiv spürt Tate der Musik nach, dass man alles andere vergisst. Unglaublich. Da fährt man nach Genf, um die Inszenierung des Meisters zu sehen, "la mise en scène de Besson", und nun vergisst man bei offenen Augen die Bühne.

 

Wie ist das möglich? Das Wunder ist möglich, weil Besson – ein Meister wie Tate – es versteht, auf dem Theater ebenfalls die Dialektik herauszuarbeiten und die Gegensätze zu verschmelzen. Auf der Bühne paart sich auch Schönheit mit Diskretion, Intensität mit Stille. Auch hier also feiert die Kunst der Dialektik ihre höchsten Triumphe. Die Sänger-Darsteller sind erfüllt von dem, was sie singen. Es ist, als erlebten sie ihre Schicksale, ihre Prüfungen, ihre Abenteuer zum ersten Mal. Aber bei aller Intensität wird ihr Spiel nie äusserlich, ihre Darstellung nie theatralisch.

 

Souverän, wie Besson die Konventionen beiseite schiebt, dort, wo sie hohl und vertrottelt sind. Wenn sich Papageno hängen will, weil er kein Mädchen findet, dann macht Besson daraus keine komische Nummer. Sondern wir sehen, wie Papageno in die Depression fällt, und sein Schmerz macht uns Angst. Da ist einer wirklich am Ende. Sein Spiel ist umgeschlagen in Ernst, er will nicht mehr mitmachen, er hat genug: "Gute Nacht, du falsche Welt".

 

Die Genfer "Zauberflöte" ist also aus einem Guss. So, wie Tate eine Interpretation vorlegt, wie ich sie vorher noch nie gehört habe, so zeigt auch Besson eine Inszenierung, die auf alle konventionellen Deutungsmuster pfeift. Ihn interessiert nur eins: der menschliche Kern der Geschichte. Darum lässt er sich nicht blenden von der Lichtwelt Sarastros, sondern er denunziert auch ihre unmenschlichen Aspekte, ihren engen, despotischen Totalitarismus. Denn die Geschichte zeigt ja, wie ein Prinz durch Prüfungen und sog. Tugendproben dazu gebracht wird, seinen eigenen Willen aufzugeben und in den Stand der Unmündigkeit zu treten, und zwar unter massiven Drohungen: "Entweder du gehst in den Weisheitstempel ein, oder du bekommst die Frau deines Lebens nicht."

 

Der Triumphgesang dieses Totalitarismus ist der Chor "O Isis und Osiris", bei Besson von Leuten gesungen, die das Recht des Stärkeren auf ihrer Seite wissen. Tamino aber verschliesst sich die Ohren und windet sich im Schmerz.

 

So erleben wir in Genf das Wunder, dass sich Dirigent und Regisseur in den Dienst einer gemeinsamen Konzeption stellen, bei der sich szenisches und musikalisches Spiel ergänzen, so dass sich im Initiationsmärchen unversehens die Dialektik des Lebens spiegelt, wo sich Schönheit mit Schmerz vermischt, Stärke mit Menschenverachtung, Liebe mit Grausamkeit.

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