Frankreich als Patient. © Philippe Lebruman.

 
 

 

La vie est une fête. Kollektiv.

Stückentwicklung.

Jean-Christophe Meurisse. Les chiens de Navarre im Théâtre des Bouffes du Nord, Paris. 

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Mai 2023.

 

> Ob es in den Bouffes du Nord, dem Haus des verewigten Peter Brook, noch einmal eine unverstärkte Produktion geben wird? Oder ist es dort mit den natürlichen Stimmen vorbei wie mit dem Kerzenlicht hinter der Rampenabdeckung? Jedenfalls erreicht "La vie est une fête" die Schmerzgrenze. Die Laut­stärke bewegt sich zwischen 80 und 92 dB, und beim Verlassen des Hauses stellen die Besucher bei sich Hörbenommenheit fest. Das Theater als Tollhaus. <

 

Die Welt als Tollhaus. Als die Institution des geschlossenen Asyls für Geisteskranke aufkam, fand die Metapher gleich den Weg in die Künste. Denn sie hatte Überzeugungskraft. Heute mehr denn je.

 

Und wenn es in den Anstalten spezielle Abteilungen für die hochgradig Gestörten gibt, so ist Frankreich jetzt in diesem Trakt angekommen. Das ist die Diagnose der Compagnie Les chiens de Navarre, die zur Zeit mit schmerzhafter Tonverstär­kung in den Bouffes du Nord gastiert.

 

Der Wahnsinn kann sich überall entfalten. Die Bedingungen sind gut für ihn. Das Theater braucht nur die würdelosen Ausein­andersetzungen im Parlament zur Rentenreform ins Scheinwerfer­licht zu stellen, um die Frage hochkommen zu lassen: In welchem Land leben wir?

 

Kaum eine Nummer kommt ohne weisse Schürze aus. Es ist zum Verzweifeln. Die Opfer leiden stumm oder aggressiv. Die staatlichen Helfer mogeln sich mit Gefühllosigkeit, Heuchelei oder Zynismus durch. Sie können an den Schwachen gut verdienen - als Politiker, als Psychiater, als Schönheitschirurgen ... und unten zerfleischen sich derweil die Angehörigen der gelben Westen und der CRS (Nationalpolizei), also die Kinder der kleinen Leute.

 

Die Truppe stellt den Widersinn mit den Mitteln des Grand Guignol bloss - das heisst mit Blut und Hoden. Verständlich, dass Zuschauern unter 15 Jahren vom Besuch der Aufführung abgeraten wird. Bei den Mündigen aber kippt das Lachen angesichts der Lage immer wieder ins Heulen.

 

Die Gegenwartsanalyse der Chiens de Navarre mit ihrem Regisseur Jean-Christophe Meurisse fällt deshalb so überzeu­gend aus, weil sie nicht nur die richtigen Themen ins Spiel bringt, sondern auch die richtige Darstellungsart. Die Schau­spie­ler verwandeln sich von Nummer zu Nummer. Oft erkennt man sie nicht wieder, so glaubhaft sind sie in ihrer situations­adäquaten Sprech- und Bewegungsweise. Verwandlungsspiel ist die Stärke der französischen Bühne. Und nun benützt sie diesen Trumpf, um den Zuschauern einen Spiegel vorzuhalten.

 

Zwischen Blut ... 

... und Hoden. 

 
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