Schwindsucht, das rekurrierende Thema. © Björn Hickmann.

 
 

 

Dante. Benjamin Godard.

Oper.

Mino Marani, Philipp Himmelmann, Paul Zoller, Jörg Schmidt, Meentje Nielsen. Staatstheater Braunschweig.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 1. Mai 2023.

 

> 130 Jahre lang schlummerte die Oper "Dante" des franzö­sischen Komponisten Benjamin Godard im Depot der Musik­geschichte. Dorthin war sie nach ihrer Uraufführung am 13. Mai 1890 an der Pariser Opera Comique entsorgt worden. Sie hatte es auf elf Vorstellungen gebracht. Die Zuschauer hatten sie mit durchmischter Reaktion und die Presse mit heftigen Verris­sen aufgenommen. - Heute stellt nun das Staatstheater Braunschweig dem deutschen Publikum das vergessene Werk vor. Und die Inszenierung von Philipp Himmelmann macht es zum Ereignis. <

 

Wenn George Bernard Shaw sagte, man brauche zwanzig Jahre, um das Metier des Theaters vollkommen zu beherrschen, so hat der 61-jährige Regisseur Philipp Himmelmann seine Lehrzeit wohl benutzt. Jetzt legt er mit der Oper "Dante" von Benjamin Godard am Staatstheater Braunschweig ein Meisterwerk vor. Das bedeutet: Überlegenheit und Vorbildlichkeit in jeder Hinsicht.

 

Die Meisterschaft zeigt sich zunächst in der Herstellung grosser Bögen. Indem die Spielorte auf einer Drehbühne plaziert werden, ist der Übergang von einer Szene zur andern stets optisch gefasst und entspricht dem vom Komponisten intendierten Kontinuum. Anderseits erlebt das Publikum beim Wiederauftauchen der Räume die abgewandelte Wiederkehr des Gleichen. Mit diesem elementaren ästhetischen Verfahren strukturieren Dichter, Komponisten und Cineasten den Ablauf. Die abgewandelte Wiederkehr des Gleichen macht den Gang der Zeit und den Fortschritt der Handlung lesbar. Darüber hinaus schaffen die verschiedenen Kompartimente der Braunschweiger Drehbühne ideale Klangbedingungen: Sie werfen den Ton nach vorn.

 

Je nach Stand der Handlung sind die Räume mal voll, mal leer; mal reich ausgestattet, mal heruntergekommen. Jörg Schmidts Beleuchtung trägt dazu Erhebliches bei. Aber auch das feine Detail, das Bühnenbildner Paul Zoller und seine Assistentin Loriana Casagrande auf der Szene plazieren. Im verwinkelten Treppenhaus steht zum Beispiel eine Weinflasche im Schatten einer Stufe. Man bemerkt sie erst, wenn Dantes Nebenbuhler nach ihr greift. Der verzweifelte Mann hielt es in seiner Prunkwohnung nicht aus. Er wollte der Tür zur angebeteten Beatrice nahe sein, und unterm Warten leerte er Glas um Glas. So wurde der Genusstrinker zum Säufer. Nun wird er die Beher­rschung verlieren und die Katastrophe auslösen. Dies mit den Requisiten von Glas und Flasche zu zeigen, nennt man die Herstellung grosser Bögen.

 

Im letzten Bild, wo Beatrice der Tuberkulose erliegt, steht am linken Bühnenrand, von einem Tuch halb verdeckt, ein Rollkof­fer. Er deutet an, dass die Kranke, wie Violetta in Verdis "Traviata", zum Sterben in die Stadt zurückgekommen ist. Und gleichzeitig führt das Requisit die Handlung unauffällig in die Gegenwart. Beatrices Vertraute wird durch Jeans und Sneakers (Kostüme Meentje Nielsen) eine heutige Gestalt. Damit ereignet sich der Tod auf der Bühne im Jetzt, und die Handlung hat siebenhundert Jahre durchmessen: Vom Florenz des Dichters Dante über das Paris des Komponisten Godard zum Braunschweig der aktuellen Aufführung. Das nennt man die Herstellung gros­ser Bögen.

 

Und dann der Umgang mit dem Chor. Am Anfang erscheint er als unbewegtes Tableau: Bild einer Ratsversammlung, angesiedelt in der Entstehungszeit der Oper, also 1890. Die Männer tragen weisse Backenbärte und schwarze Gehröcke. Sobald sie in Bewegung kommen, werden sie individualisiert und gleichwohl zusammengehalten durch ein rembrandtsches Helldunkel. Später tritt der Dichter Vergil aus einem Bild und führt Dante in die Hölle. Das Gleiten ins Inferno realisiert die Inszenierung, indem sie die riesige Kulisse hochzieht und den Blick freigibt auf die schwarze, unbestimmte Ausdehnung des Hades, wo die Ver­damm­ten in blutigen Tüchern an ihrer ewigen Strafe leiden. Einzelne Relikte der Bühnenbildarchitektur, die langsam in Bewegung kommen, unterstreichen die Leere des fürchterlichen Orts, während ihn die Choristen, in der Ferne aufgereiht wie Orgelpfeifen, gegen das Nichts abgrenzen.

 

Zum Schluss fasst das Regieteam die Mehrdimensionalität der verschiedenen historischen Schichten, der gedachten und realen Orte, der politischen und individuellen Vorgänge mit einem einzigen durchgehenden Objekt zusammen. Es besteht aus kleinen Wandlampen mit dekorativen, beigen Schirmen. Ihre verschiedene Leuchtintensität gibt die Stimmung der Szene wieder und schafft darüber hinaus im Wechsel der Töne eine kluge, auf den Punkt gebrachte Einheit. Das nennt man Ökonomie der Mittel.

 

Mit Philipp Himmelmanns meisterlicher Anlage kompensiert das Staatstheater Braunschweig die Schwächen des Werks, die seine Aufnahme ins Repertoire 130 Jahre lang verhinderten. "Dantes" Totenstarre erwächst zunächst einmal aus den Themen. Das Leiden des Künstlers an seinem Schaffen, das Hinscheiden der Geliebten an der Schwindsucht entsprach am Ende des 19. Jahr­hunderts einer gemähten Wiese. Verdi, Puccini, Offenbach hatten schon Unübertreffliches geleistet. Die zweite Garde, Gounod, Massenet, konnte, gemessen an den Grossen, nicht mit­hal­ten. Und erst recht nicht Benjamin Godard, Komponist der dritten Garde, der für "Dante" die École française übernahm, ohne sie durch Einfallskraft oder Individualität weiterzu­bringen. Zur Konventionalität des Werks steuert dazu noch das schablonenhafte Libretto von Eduard Blau so viel bei, dass man, ohne die Meisterschaft des Regieteams, den ganzen Abend nicht aus dem Déjà-vu und Déjà-entendu herauskäme.

 

Unter seinem ersten Kapellmeister Mino Marani spielt das Staatsorchester Braunschweig die Noten zwar zuverlässig, aber, wie es dem Werk entspricht, auch ziemlich schematisch. Bloss anständig sind auch die Darsteller. Kwonsoo Jeon singt als Dante gerne etwas zu tief und zu leise. Ekatarina Kudryatseva hat zwar kurze, schöne Ausbrüche ins Forte, vermag aber das Publikum nicht dermassen mitzureissen, dass es Szenenapplaus spendet, obwohl Benjamin Godard die Partitur auf ihn hin­steuerte und den Ablauf durch einen Doppelstrich unterbrach. An der Stelle aber, wo der Beifall aufrauschen sollte, entsteht bloss eine etwas peinliche Generalpause, in der man hört, wie die Instrumentalisten ihre Seiten wenden.

 

Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Das Magazin "Opernwelt" hat den Preis für die "Wiederentdeckung des Jahres 2023" noch nicht vergeben. Vielleicht verhilft Philipp Himmelmanns grandiose Realisation dem Staatstheater Braunschweig zu dieser Auszeichnung. Verdient wäre sie.

 

Die abgewandelte Wiederkehr des Gleichen ...

... realisiert sich in Braunschweig ... 

... in höchster Meisterschaft. 

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