Mefistofele. Arrigo Boito.

Oper.

Nello Santi, Hans-Peter Lehmann. Opernhaus Zürich / Giuseppe Patané, Robert Carsen. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, 12. September 1988.

 

 

Es git chuum es Wärk, wo am Thater so viel Problem ufgit wie am Goethe sy "Faust". Är isch widersprüchlich, mehrschichtig, rätselhaft und fremdartig, so dass me ne uf der Bühni chuum adäquat cha wiedergä. Der Goethe het drum ou nid gseit, der "Faust" syg es Stück – sondern es Ragout. Es Ragout besteit nämlich nid us eim Stück, sondern us mehrere Fleischbitze, grad so, wie der "Faust" ou nid vo eire Idee zämeghalte wird: "Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaches Leben, wie ich es im 'Faust' zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen, durchgehenden Idee hätte reihen wollen!", het der Goethe gseit, und är het gfunde, die einzelne Bitze vom Ragout wärdi daderdür zämeghalte, dass sie ir glyche Sosse schmori; schliesslich chömm ja dür ds ganze Stück düre der Mephisto vor: "Wenn der Narr durch alle Szenen läuft, ist das Stück genug verbunden". Der Mephisto also isch es, wo der Faust dür alli Statione begleitet: "vom Himmel durch die Welt zur Hölle". Das isch also d Spannwyti vom "Faust": "Vom Himmel durch die Welt zur Hölle". Wie cha das es Theater bewältige?!

 

Der Goethe selber het dänkt, es syg nid möglich. Drum het är selber, i syne 25 Jahr als Theaterdirektor, ds Werk nie la uffüehre. Und ou syni Zytgenosse hei d Finger dervo glah. Bis sich du ds Nationaltheater Braunschweig vor 160 Jahr a ne reduzierti Fassig gmacht het. Mit andere Wort: Scho die ersti Theateruffüehrig vom "Faust" isch nid drum ume cho, zämezstryche, z vereinheitliche, z verdütliche. Ds Theater het dermit am Stück vo Afang a sy Vieldütigkeit graubt, es het's verflacht.

 

Und ersch rächt zämestryche, vereinheitliche u verdütliche muess ds Theater der "Faust", wenn's en Opere drus macht. Das Vereifache aber het am Komponist vom "Mefistofele", am Arrigo Boito, keni Problem gmacht. Är het gwüsst, was me vom Faust u vom Mephisto muess halte: "Wer nach dem Unbekannten, dem Idealen strebt, ist Faust". Punktum. Und "Mephistopheles ist die Schlange im Garten Eden, die Inkarnation des ewigen Nein". Punktum. So eifach isch das – und will's eso eifach isch, het der Arrigo Boito die beide Teile vo Faust I u II i ei einzigi Opere chönne zämezieh, mit ere Gsamtduur vo 160 Minuten.

 

Die Tendenz, am Wärk nächerzcho dür Vereifache u Verdütliche – die Tendenz het jetz im Operehuus Zürich ihre Höhepunkt – und hoffentlich ou Abschluss gfunde.

 

Scho d Musik isch z Zürich uf Vereifachig usgange. Der Nello Santi het d Partitur vom Boito dirigiert, als hätt er's mit Verdi z tüe. Der Orchesterklang strömt breit derhär, bändiget dür d Steidämm vo Santis grandioser Routine. Die Routine het d Wiedersprüchlichkeit vor Musik, ou ihri qualitative Schwankige ygschmulze zun ere kompakte, scho fasch mastige Spielwys. Der Maestro Santi also het agrichtet wie im Emmental, mit Späck u Bohne.

 

D Tendenz zum Vereifache u Verdütlich isch aber ou i d Personefüehrig ynegange. Am Alfred Muff sy Guetmüetigkeit dringt dür alli Pore vom Mephistokostüm. U we me nid uf d Wort lost, sondern nume druf achtet, was sy Stimm usdrückt, de singt är gäng ds glyche Lied: "Chömit yche u hockit zueche." Der Alfred Muff also het sy Figur nid ufbroche, är het nid ihri nervösi Dämonie usegschaffet, är het kener Facette an ere la funkle. Sondern sy Mephisto trappet uf der Bühni desume wie ne bhäbige Dorfpolizist, so dass es eim gar nid erstuunt, dass är am Schluss sy Gfangnige, der Faust, verliert, statt ne abzfüehre.

 

Dass sich d Rolle nid entwicklet hei, isch aber kes individuells Versäge vo de Sänger. Es isch ds Charakteristikum vo der Zürcher Uffüehrig. Sie het uf d Widersprüchlichkeit vom Werk mit Theaterroutine u Simplifizierig reagiert. Das zeigt sich ou am Bühnebild, wo gäng wieder die glyche Element bringt: Gnieteti Metallstäge und en Orgeleprospekt, wo mit syne silberige, länge Pfyfe wie nes Düseflugzüg über der Szene hanget, sozsäge als christlich pervertierts Memento mori. Die Orgelepfyfe säge eim: Machet nume, am Schluss verwütscht nech der Liebgott de scho. Är tuet nech de scho zrüggpfyfe zur Ornig.

 

U die Ornig, die zeigt üs ou ds erste Bild: "Prolog im Himmel". Es Bild, wo für ds Theater ja scho es unghüürs Problem darstellt. Wie weit dihr so öppis Erhabnigs zeige wie das: "In elysischen Sphären lobpreisen die himmlischen Heerscharen den Herrn der Engel und Heiligen"? Wie cha me das zur Aschauig bringe? Der Zürcher Regisseur Hans-Peter Lehmann zeigt üs das mit ere katholische Kirche. U mir gseh, dass im Himmel obe no Ornig isch. Da gönge d Mässbuebli nach der Schnuer usgrichtet i Zwöierreihe vo links nach rächts, nächhär chöme d Priester u d Würdeträger, schön nach ihrem Rang. Im Himmel obe, da git's äbe no klari Befehlsstrukture. U die himmlische Chör hocke suber usgrichtet wie Orgelepfyfe i ihrem Chorgstüehl. Dadermit git d Uffüehrig am Operehuus Zürich vo Afang a z verstah, dass sie het wölle der "Faust" inedrücke i ds Model von ere einzige durchgängige Idee. U was mer gseh, isch die altbekannti Theaterroutine. Sie isch d Sosse, wo z Zürich ds Ragout dinne schwümmt.

 

Wie isch's jetz aber am Tag druf usecho, wo ds glyche Werk grad no einisch het Premiere gha, z Genf, am Grand Théâtre, inszeniert vom ene 27jährige Kanadier, em Robert Carsen? Dä het bewiese, dass ds Gägeteil ou möglich isch. Dass me also cha differenziere u d Vieldütigkeit vom Werk useschaffe, ohni dass es eim als Zueschauer derwäge der Kopf versprengt.

 

Scho d Musik isch uf Differenzierig hi agleit gsy. Der Giuseppe Patané het d Partitur dirigiert, wie wenn sie vom Puccini wär: Sie isch transparent worde u het Farbe übercho. Der Patané het nid überdeckt, dass d Musik mängisch tuet raune wie am Wagner sy unendliche Melodie, u dass sie handkehrum i d Banalität vom italienische Schlager ynerütscht. U ds Bühnebild het das Ufbreche u Differenziere ufgno, u zwar vo Afang a, mit genial-eifache Theatermittel.

 

Also, stellet nech vor, dihr chömet z Genf i d Opere u wartet druf, dass es afaht. Aber der ysig Vorhang isch no dunde. Spät geit er ufe, u ds Liecht geit us. Dir gseht jetz uf e Stoffvorhang vom Grand Théâtre. Dä geit uf ds Syte, u drunter chunnt e gmalete Theatervorhang füre. Dä Vorhang wird wägzoge, u dihr gseht no einisch uf ene Vorhang. Aber dä Vorhang isch ygrahmet vom ene altmodische Theaterportal mit grosse Gipsängle, fasch wie z Züri im Operehuus.

 

Die Vorhanggschicht allei drückt us, dass die Inszenierig uf Mehrschichtigkeit hi agleit isch. Dihr heit eine, zwe, drei, vier Vorhäng, u der letzt brönnt. Es sy Flamme druf gmalet, wo eim zeige, dass da öppis Elementars vom Theater het Bsitz gno: Es isch ds Füür, ds Füür vor Wahrheit (wo der Faust atrybt) u glychzytig ou ds Füür vor Höll (wo der Mephisto härchunnt). Himmel u Höll i eim einzige Symbol, e brönnige Theatervorhang, won üs zeigt, dass nüt vo däm, wo passiert, us em Theater usgheit. D Flamme sy ja nid ächt, so wie nüt ächt isch won üs ds Theater zeigt, ou nid der "Faust". Aber i däm Unächte, won üs ds Theater vorgkauklet, isch eingentlich ds Ächte gmeint: die letzti Wahrheit über Gott u d Mönsche.

 

Jetz geit im Grand Théâtre ou dä letzt Vorhang wäg. "Prolog im Himmel. In elysischen Sphären lobpreisen die himmlischen Heerscharen den Herrn der Engel und Heiligen." Was gseh mir z Genf? Nüt anders als e lääre Himmel. Wulke zieh drüber – also wieder en Art Vorhang. U derhinter ghöre mir d Stimme vo de himmlische Chör, wo jetz aber nüt meh Reals a sich hei wie z Züri, sonder Luft sy, Projektione vo üsem Wunsch nach Uflösig vor kompakte, materielle Welt, u dadermit ou Projektione vo üsem Wunsch nach Erlösig vo der kompakte, materielle Welt.

 

U jetz tüe a däm Himmel afe Stärne lüchte, es isch es überwältigend schöns Bild ... der Wulkevorhang wird wägzoge ... u mir luege in es venezianisches Operehuus. D Stärne sy nüt anders gsy als d Birli vo de Loge, und d Himmelschör nüt anders als Venezianer i wysse Maske. U mit dene Maske vor de Gsichter hei mir also wieder en Art Vorhang.

 

Ds Theater cha äbe nume öppis darstelle, wenn's d Wirklchkeit verdeckt. Es cha nume d Wahrheit säge, wenn's lügt, wenn's zu Kostüm, Maske u Verstellig gryft. So viel zeigt üs der Robert Carsen scho i den erste drei Minute. U so vielfältig, so gschyd, so differenziert füehrt är üs dür die ganzi längi Opere; der Mephisto vom Samuel Ramey het tuusig Gsichter und Attitüde, sini Stimm isch agil und glasklar, und alles wird zämeghalte vom ene überlägnige Kunstverstand.

 

Die glychi Opere, z Zürich u z Genf. Im Operehuus e längwylige Eintopf vor Schwyzer Militärchuchi. Im Grand Théâtre aber "ein reiches, buntes, höchst mannigfaches Leben – – vom Himmel durch die Welt zur Hölle."

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