Lulu als Projektion. © Birgit Hupfeld.

 
 

 

Lulu. Frank Wedekind.

Schauspiel.

Bastian Kraft, Peter Baur, Kevin Graber, Monika Pangerl. Bayerisches Staatsschauspiel, München.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Januar 2023.

 

> Seit Alban Bergs Oper "Lulu" für das moderne Musiktheater den Rang eines Schlüsselwerks gewonnen hat, ist Frank Wedekinds Drama kaum mehr aufgeführt worden. Doch nun zeigt Bastian Kraft im Münchner Residenztheater eine Fassung, die sich als Schau-Spiel gleichwertig neben die Oper stellt. Denn sie realisiert durch ihre Form den Kern des Werks mit nie gesehener Radikalität: Lulu als Projektion. <

 

Wenn sich Frank Wedekinds "Lulu" als Vorlage für eine Oper anbot, so liegt das daran, dass hier die beiden Themen zum Ausdruck kommen, die das Musiktheater aller Zeiten nicht aufhört zu behandeln und zu besingen: ausserehelicher Bei­schlaf und Macht. Alle Männer, die der Schönheit Lulus verfal­len, lassen ihretwegen Geliebte, Verlobte, Frau und Kind im Stich. Nur ein Ziel kennen sie noch: Lulu zu haben und ihr zu gehören. Doch kaum ist das erreicht, kommt auch schon das zweite Thema zum Tragen: die Macht. Wer Lulu besitzt, will sie auch benützen, um nach oben zu kommen, Karriere zu machen, die Konkurrenz zu verdrängen. So dient sie dem Maler als Modell, dem Dramatiker als Sujet, dem Medizinalrat als Trophäe, dem Chefredaktor als Faire-valoir, dem Athleten als Rummelplatz­attraktion und dem Lakaien als Brunstobjekt. Darin zeigt sich Lulus Mehrdeutigkeit: Sie ist Hure, himmlische Geliebte, tod­brin­gendes Weib und unbeseeltes Werkzeug.

 

Jeder Mann gibt ihr einen anderen Namen. Nur für sich selber ist sie Lulu. Die wechselnden Namen hängen mit den wechselnden Blick­­win­keln zusammen. Jeder Mann hat seine eigene Begehrlich­keit. Sie erschafft sich Lulus Silhouette nach ihrer Fasson, gemäss dem Wort von Ferdinand de Saussure, dem Begründer der modernen Linguistik: "Le point de vue créé l’objet." (Der Blickpunkt erschafft das Objekt.)

 

Da es sich bei Lulu nicht bloss um einen Menschen handelt, sondern auch um eine Projektion, nicht allein um eine Seele, sondern auch um einen Schatten, vervielfältigt Regisseur Bastian Kraft Lulus Gestalt in mehrfacher Hinsicht. Er evoziert sie durch die drei Körper von Liliane Amuat, Juliane Köhler und Charlotte Schwab und multipliziert sie durch Schattenwurf und mehrteilige Videoanimation. Ausserdem gibt er den Personen des Dramas, auch den männlichen, Farbe und realistisches Aussehen durch Filmwiedergaben der geschminkten und kostümierten Schauspielerinnen, bis am Ende das Rätsel seine Vollendung findet: "Lulu" ist ein bewegtes Konglomerat von Gedanken, Worten, Wünschen und Begehrlichkeiten im Zusammenspiel von Handlung, Beleuchtung, Projektion und Film.

 

Man sieht: Der inszenatorische Prozess leitet sich in gerader Linie aus dem Kern des Werks ab, und erst noch in der gedrängtesten Form, die sich denken lässt, der lyrischen. Um 1600 beschrieb Cesare Ripa die Lyrik mit den Worten:

 

Ihre Gestalt ist die einer jungen Frau, die mit der linken Hand eine Geige hält und mit der rechten einen Bogen. Ihr Gewand hat mehrere Farben, aber angenehm anzusehen und ziemlich knapp, um zu zeigen, dass der lyrische Dichter in einer einzigen Sache mehrere andere versammelt; wie es durch diesen lateinischen Satz ausgedrückt wird: "Brevi complector singula cantu." Das heisst, mit wenig Worten begreife ich alle Dinge.

 

Ökonomie. In den Künsten der höchste Begriff. Er bedeutet: Durch eine überschaubare Zahl von Elementen Unerschöpflichkeit hervorrufen. Mit wenigen Worten viel sagen.

 

Alban Berg führte in seiner Oper die Komposition auf die Bestandteile der Musik zurück. Er entwickelte die thematischen und satztechnischen Erfindungen aus einer Zwölftonreihe und verlieh ihnen mit Hilfe komplizierter Kunstgriffe den vielfältigsten Ausdruck. Im Sprechtheater gewinnt nun Bastian Kraft zusammen mit dem Bühnenbildner Peter Baur, dem Video­künstler Kevin Graber und der Beleuchterin Monika Pangerl Fülle aus der Kombination von Live-Schauspiel, Computeranima­tion und Bildtechnik. Nebeneinandergestellt zeigt sich: Beide "Lulu"-Realisationen sind gleichwertig und in ihrer Weise unüberbietbar. Deshalb schreibt sich die Aufführung im Münchner Residenztheater schon heute in die Werkgeschichte ein.

 

"Lulu": ein bewegtes Konglomerat ...  

... von Gedanken, Worten, Wünschen ... 

... und heimlichen Begehrlichkeiten. 

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