Madame est sortie. Pascal Jardin.

Gastspiel der Galas Karsenty im Stadttheater Bern.

Der Bund, 16. Oktober 1981.

 

 

Nicht nur "Madame" verliess die Szene

 

Erstes Bild: Der Schriftsteller (Jean-Claude Brialy) sitzt nach einer durchwachten Nacht vor seinem Schreibtisch. "Elle reviendra", ruft er schmachtend aus. "Elle", das ist seine Geliebte. Sie hat ihn verlassen.

 

Der Zuschauer merkt: ein Fall von "amour fou". "Verrückt ist das richtige Wort", erklärt Gustave Flaubert in anderem Zusammenhang. "Die Liebe, wie sie die Alten sahen, war sie nicht eine Verrücktheit, ein Fluch, eine Krankheit, die die Götter verhängten?"

 

Dieses Liebesverhängnis der Antike zeigen die Galas Karsenty in einem neuen Boulevardstück. So was albern Verrücktes, denken die Habitués der Galas, haben wir noch nie gesehen. Aber bald erkennen sie, dass sie nur so was verrückt Albernes noch nie mitgemacht haben.

 

Die Putzfrau (Christine Fabrega) erscheint, um mit ihrer gesunden Natürlichkeit den Schriftsteller zu kurieren. Aber ihrer praktischen Einstellung, ihrer heiteren Aufgeräumtheit und ihrer nüchternen Laune gelingt es nicht. Auch dem jugendlichen Körper der Privatsekretärin (Isabelle Courgier), ihrem zum Kuss geöffneten Mund soll es nicht glücken, den Leidenden von seinem finsteren Stumpfsinn zu erlösen. – So erzählen zumindest die Tapferen, die es bis zum Ende der Vorstellung ausgehalten haben.

 

Das Ganze dauert zwei Stunden und heisst "Madame est sortie". Aber nicht nur "Madame" hat die Szene verlassen. Ihr sind auch alle neuen Musen gefolgt, noch bevor sich der Vorhang hob...