Rudolf Bissegger (Porträt).

Der Bund, 26. April 1980.

 

 

Von Bern an die Wiener "Burg"

Ein Gespräch mit dem Schweizer Schauspieler Rudolf Bissegger

 

Aus Wien kam ein Telefonanruf. Rudolf Bissegger wurde gebeten, am Dienstagmorgen im Burgtheater vorzusprechen. "Ja schön, aber ich weiss noch gar nicht, ob ich da frei bin", wagte Bissegger einzuwenden. Doch die Stimme am andern Ende des Drahtes wusste Bescheid. "Am Dienstagvormittag haben Sie im Stadttheater Bern keine Probe." – "Gut. Und die Flugreservation? Vielleicht finde ich so kurzfristig keinen Platz mehr!" – "Ihr Platz ist bereits reserviert. Sie brauchen nur noch einzusteigen." So kam Rudolf Bissegger an die Burg.

 

Angefangen hatte es mit einem Telegramm: "Bitte dringend Burgtheater anrufen!" Bissegger glaubte an einen Scherz. Doch dann rief er gleichwohl an und merkte, dass es ernst galt. Denn am Telefon erhielt er das Aufgebot zu einem Vorsprechtermin in Basel. Er trat an, spielte vor und erhielt am Schluss den üblichen Bescheid: "Danke schön, Sie hören wieder von uns."

 

Und er hörte wieder von ihnen. Am Dienstag, dem 26. April 1977 stand er zum Vorsprechen auf der riesigen Burgtheaterbühne. Rudolf Bissegger: "Vor mir der schwarze Zuschauerraum; vielleicht sind zwanzig Leute unten, vielleicht dreissig. Ich bin innerlich ganz aufgeregt, verlange für meinen Auftritt einen Tisch und einen Stuhl. Die Zuvorkommenheit, mit der die Bühnenarbeiter meinem Wunsch nachkommen, setzt mich in Erstaunen. Und dann, bevor ich anfange, vernehme ich aus dem verdunkelten Zuschauerraum eine Stimme, die mich wahnsinnig aufstellt: 'Hesch e guete Flug gha?" – Es war Annemarie Düringer, die unten sass und ihm mit dem vertrauten Berndeutsch Mut machte.

 

Nach dem Vorsprechen hiess es: "Gehen Sie in die Kantine, wir rufen Sie." Wieder war Bissegger beeindruckt: An den Wänden der Kantine hingen die Porträts der grössten Schauspieler und Vorbilder – alles Burgtheatermimen; und nun würde er, der Thurgauer Rudolf Bissegger, ehemals vom Theater für den Kanton Zürich, vom Schauspielhaus, den Stadttheatern Chur und Bern vielleicht zu ihnen gehören! Bissegger fährt fort: "Nach einer halben Stunde kam der Anruf, ich solle in die Direktion, und wie ich hinaufkam, sagte Direktor Benning: 'Was Sie geboten haben, hat mir gefallen, wir wollen Sie sofort engagieren." Bissegger stand da und konnte sein Glück kaum fassen. Und gleichzeitig fragte er sich: "Warum falle ich jetzt diesem Menschen nicht um den Hals?"

 

Noch heute, nach zweieinhalb Jahren, ist Rudolf Bissegger bescheiden geblieben. "Es ist Glück, einfach Glück", wehrt er ab, wenn man bohrt, ob sein Talent nicht am Erfolg beteiligt war. "Es gibt einige Schauspieler, die ebensogut an der Burg sein könnten wie ich. Ich hatte einfach Glück, dass der Posten meines Fachs vakant war und dass man dabei auf mich stiess."

 

Immer heisst es, Schauspieler seien eitel. Doch im viereinhalbstündigen Gespräch mit Rudolf Bissegger gelingt es kein einziges Mal, ihn zu Selbstlob zu verführen. Vielleicht ist er schon zu reif für Narzissmus; denn er sieht die Dinge, wie sie sind.

 

"Im Theater für den Kanton Zürich spielte ich kurz nach meinem Antritt den Sigismund in Calderons 'Das Leben ein Traum'. Es soll ein grosser Erfolg gewesen sein. Zwei Tage nach der Premiere waren die Zeitungen über mich des Lobes voll. Und Dr. Spörri, der Direktor, kam zu mir und sagte: 'Gratuliere, mein Junge, du hast es geschafft. Von jetzt an werden sich bei dir zwei Lager bilden. Die einen werden finden, du könnest etwas, und die andern werden dich vorerst ablehnen. Jetzt bist du jemand."

 

Doch Bissegger war nachdenklich geworden. "Das also ist jetzt der Erfolg", sagte er zu sich selbst, und er war etwas enttäuscht. Weil er nicht gewusst hatte, dass Erfolg so aussieht. "Am Ende der Vorstellung hatte ich Riesenapplaus. Und eine Stunde später sass ich zuhause auf dem Bettrand und war genauso allein wie früher."

 

Vielleicht hat es Bissegger auch deshalb nicht nötig, sich selber zu rühmen, weil er im Grunde seines Wesens ein Optimist ist: "Schon als Kind war das so. Und zwar habe ich das von meiner Mutter gelernt. Sie sagte mir oft: 'Ruedi, es geht immer eine Tür auf, wenn du meinst, es geht nicht mehr." Und diesen Leitsatz hat Bissegger für sein Leben behalten.

 

Überhaupt, seine Eltern bedeuten ihm viel. "Sie sind wunderbar, und ich habe ihnen unwahrscheinlich viel zu verdanken. Sie sind die besten Vorbilder, die man sich wünschen kann. Und nur ihre Hilfe und Liebe haben es ermöglicht, mich damals studieren zu lassen. Sie haben mir geholfen zu werden, was ich heute bin."

 

So zurückhaltend Bissegger bei dem ist, was seine Person angeht, so enthusiastisch rühmt er das Haus an der Wiener Ringstrasse. "Noch heute, wenn ich zum Theater fahre und dieses schöne Haus sehe, sage ich mir im geheimsten: Es ist doch schön, dass du da bist."

 

Und wie wir einen Tag später am Burgtheater vorbeigehen, zupft er mich am Ärmel: "Sehen Sie, manchmal, wenn ich abends zur Vorstellung herkomme, streichle ich über diese Steine und sage leise: Gutes altes Haus."

 

Für Bissegger nämlich ist es "traumhaft, mit diesen Burgtheaterleuten zusammenzuarbeiten. Wir haben unzählige Regisseure, Engländer, Deutsche, Franzosen, Italiener, und diese grossen, berühmten Künstler sagen alle, es gebe nirgendwo ein solches Ensemble, Bühnentechnik, Maske und Kostümwerkstätten eingeschlossen." So ist für Bissegger das Engagement am Burgtheater nicht bloss deshalb reizvoll, weil er "immer interessantere Rollen und immer interessantere Arbeit" erhält. Sondern es ist auch eine einzigartige Gelegenheit zum Lernen.

 

Sooft er kann, sitzt er in den Proben. "Und beim Zuschauen lerne ich von den grossen alten Mimen sehr viel. Ich lerne, indem ich die Augen offenhalte, schaue und höre. Beim Theater kommt es nämlich in entscheidendem Mass auch auf sogenannte Äusserlichkeiten an."

 

Aufgrund dieser Erfahrungen verteidigt er auch mit Vehemenz sein Theater: "Das Burgtheater ist nicht verstaubt. Es ist ein sehr aufgeschlossenes und auch fortschrittliches Theater. Vor allem wenn ich denke, was wir im Akademietheater, unserem kleinen Haus, realisieren."

 

Sofort aber dämpft er ab, wenn man auf die Unterschiede zu Bern zu sprechen kommt. "Sehen Sie, es wird überall mit Wasser gekocht." Man könne, meint Bissegger, überall auf der Welt gutes Theater machen. Denn das hänge bloss davon ab, ob sich die Leute voll einsetzten, die zusammenarbeiten. "Wenn diese Einheit aller Beteiligten zustandekommt, dann läuft es." Gutes Theater wird daher für Bissegger immer mehr zur "Glückssache". Es hängt alles davon ab, ob die richtigen Leute zusammenkommen.

 

Nun sollten die richtigen Leute ja auch gute Leute sein. Und in dieser Beziehung hat Wien dem Berner Stadttheater doch etwas Entscheidendes voraus. Bissegger: "Der einzige grosse Unterschied zu Bern ist, dass Wien viel mehr Geld und viel mehr Schauspieler zur Verfügung hat. Wir sind jetzt 140 am Burgtheater. Und wir können unter unwahrscheinlich guten Regisseuren arbeiten, die eine Stange Geld kosten. Aber mit ihnen ist die Zusammenarbeit halt jedesmal ein Höhepunkt."

 

Sonst aber unterscheiden sich das Berner Stadttheater und das Wiener Burgtheater bloss durch kleine Details. "Gut, wenn Sie schon nach denen fragen, so kann ich erzählen, wie frappiert ich war, als ich in Wien zum ersten Mal in meine Garderobe trat. Hier hat nämlich jeder Schauspieler an der Tür ein Messingschild mit seinem Namen, während die Garderoben in Bern bloss numeriert sind. Jeden Abend gibt es frische Handtücher. Und die Stars müssen hier nicht den Maskenbildner aufsuchen, sondern der kommt zu ihnen und schminkt sie in ihrer Garderobe."

 

Details also unterscheiden Wien und Bern. Dass Bissegger von Bern weg ans Burgtheater engagiert wurde, ist für die Theatergeschichte gewiss bloss ein Detail. Doch wäre er in Bern geblieben, hätten wir einen begabten Schauspieler mehr. Und das ist kein Detail...

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]