Der Drachentöter ist tot. © Yoshiko Kusano.

 

 

Der Drache. Jewgenij Schwarz.

Schauspiel.

Bruno Cathomas, Konstantina Dacheva. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. Juni 2022.

 

> Zum Ausklang seiner ersten Spielzeit gönnt sich das neue Berner Schauspielensemble eine Familienfeier. Für sich und seine Freunde albert es einen Abend lang im Höflein hinter dem Theaterrestaurant "Vierte Wand" herum, und am Buffet können sich die Gäste zwischendurch mit Tranksame versehen. Ein paar junge Damen tun das so ausgiebig, dass sie während der ganzen Vorstellungs­dauer nicht aus dem Lachkrampf herausfinden. Die Insider würdigen, dass bei den Proben einiges gelaufen zu sein scheint. Jetzt lässt die Truppe die Sau raus. Man könnte das peinlich finden oder zumindest unangebracht, denn hinter dem Klamauk steht immerhin ein gut gebautes Stück Polittheater. Da aber in der Inszenierung von Bruno Cathomas kaum mehr etwas davon geblieben ist, freuen sich die Freunde des Hauses am entfesselten Wahnsinn ihrer Freunde. Die Doyenne der Theaterkritik indes, die das Berner Schauspiel für die NZZ begleitete, bis das Blatt 2020 die Berichterstattung aus der Bundesstadt aufgab, hat nach einer Viertelstunde genug gesehen und verabschiedet sich. Der Instinkt trog sie nicht: In den restlichen fünf Viertelstunden wurde die Vorstellung nicht besser. <

 

Wer den "Drachen" nur von seiner aktuellen Berner Fassung her kennt (es gab auch mal, vor einem halben Jahrhundert, eine gültige, drüben, auf der grossen Bühne, inszeniert von Walter Boris Fischer, mit Peter Simonischek als Drachentöter und Herlinde Latzko als Drachenopfer) – wer also den "Drachen" nur von seiner aktuellen Berner Fassung her kennt, kann nicht ermessen, was für eine Wucht das Stück hat.

 

Nach der ersten Vorstellung, 1944 in Moskau, wurde der "Drache" abgesetzt und verboten. Darauf blieb er zwanzig Jahre lang ungespielt und unpubliziert. Denn das Märchen für Erwachsene verriet Wahrheiten, die niemand in der Sowjetunion aussprechen durfte. Auch nicht im Märchen. Dabei hatte Jewgenij Schwarz, der Autor, mit Billigung des Staates angefangen, das Stück zu schreiben. Im bösen Drachen sollten Faschismus und Nationalsozialismus angeprangert werden. Aber als das Stück fertig war, zeigte sich zum Erstaunen aller, dass es in seiner naiven Unschuld auch den Stalinismus denunzierte. Und das ging nicht an.

 

Der Drache ist eben nicht nur ein feuerspeiendes Ungeheuer mit drei Köpfen (in Bern gestrichen), wie da, wo er aufsteigt aus der Höhle (in Bern gestrichen), sondern er erscheint auch als netter älterer Herr im Kostüm des Gentlemans (in Bern gestrichen), er erscheint als überlegener Staatsmann im Kostüm des Politikers (in Bern gestrichen), und er erscheint als bemitleidens­werter Greis im Rollstuhl (in Bern gestrichen).

 

Der dreiköpfige Drache im Märchen von Jewgenij Schwarz hat mithin drei Erscheinungsweisen, entsprechend der Trinität im Christentum. Mal so, mal anders. Immer aber symbolisiert er die Unfreiheit, die in jeder Form dieselbe ist, unabhängig davon, wie sie sich nennt und in welchem Gewand sie auftritt, ob als System Lenin, als System Stalin oder als System Putin.

 

Der heldische Gegenspieler (Linus Schütz) ist eifrig, gutmeinend und liebenswürdig. Er hat die Kraft, einen Drachen zu töten. Aber er ist unfähig, das Volk zu ändern, dessen Unterwürfigkeit, Mitmachertum und Mangel an Solidarität erst die Unterdrückung möglich machen.

 

"Der Drache" zeigt folglich, dass ein Held nichts ausrichtet, wenn sich die Seelen der Menschen mit dem System der Gewalt arrangiert haben. Und das "Märchen" kommt zum Fazit: "Ich wusste, dass Lanzelots Tod umsonst sei. Er hat den Drachen getötet, und es ist schlimmer als vorher. Der Drache hatte drei Köpfe, jetzt hat er hundert, hunderttausende, alle menschlicher als die anderen. Aber warum kann man eure wahren Köpfe nicht sehen, eure Tigerköpfe, eure Geier- und Schlangenköpfe mit steinernen Herzen?"

 

Diese Zeilen sind in Bern gestrichen, so wie gute achtzig Prozent des Dialogs. Was bleibt, ist das Mitmachertum. Cheerleader Jonathan Loosli feuert von Beginn weg das Publikum an: "Jetzt einen Applaus! Kräftiger, bitte! Kann jemand pfeifen? Also los! Und dazu alle Juuu, Juuu!" Immer wieder werden "alle!" zum Mitsingen aufgefordert. Die Noten sind im Programmblatt mitgegeben: "Wyssebüehl" von Polo Hofer, "Rote Wy" von Rumpelstilz.

 

Hinter der Trommel her

Trotten die Kälber

Das Fell für die Trommel

Liefern sie selber.

Der Metzger ruft. Die Augen fest geschlossen

Das Kalb marschiert mit ruhig festem Tritt.

 

(Bertolt Brecht)

 

Zwischendurch glaubt man die Stimme des Regisseurs zu vernehmen, der die Truppe dirigiert: "Spiel mal mit dem Verkehrszeichen!" "Spiel mal auf der Gitarre!" "Spielt mal mit dem Tisch!" "Spielt mal mit der Palme!" (Bühne Konstantina Dacheva). So wird laufend für Gaudi gesorgt. Wer aber zwischendurch am Buffet Nachschub holt, verpasst nichts und findet gleich wieder zurück in die Festlaune. Dies auch, weil der Drache zusammengestrichen wurde auf eine Nebensache, ein Stichwort. Vanessa Bärtsch darf ein bisschen fauchen, die Augen rollen, die Glieder strecken. Daneben spielt sie eine "Katerkatze", zupft an der Gitarre und stimmt die Mitsing­lieder an.

 

Auf diese Weise zeigt die aktuelle Berner Fassung des Märchens von Jewgenij Schwarz, im Höfli der "Vierten Wand" mit dem Publikum als quietschender Theaterfamilie, dass das System Stalin, das System Putin, das System Mussolini, das System Hitler auch hinter dem Kindlifresserbrunnen funktioniert. Mitmachertum bis zur Selbstpreisgabe. Panem et circenses. Welch ein Spass!

 

 

Epilog

 

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui [= Adolf Hitler]:

 

So was hätt einmal fast die Welt regiert!

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch

Dass keiner uns zu früh da triumphiert -

Der Schoss ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!

 

Die immerwährende Aktualität der Klassiker.

 

Spielt mal mit dem Tisch! 

Spiel mal die Besoffene! 

Macht mal Gaudi! 

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