Utopie des friedlichen Lebens. © Tanja Dorendorf.

 

 

I Capuleti e i Montecchi. Vincenzo Bellini.

Oper.

Sebastian Schwab, David Hermann, Bettina Meyer, Axel Aust, Bernhard Bieri. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 22. Mai 2022.

 

> Wer erst nach der Pause die Vorstellung betritt, erlebt eine Aufführung, die zunehmend schlichter, dichter und bewegender wird. Die Handlung läuft auf den Tod zu, und das gequälte Liebespaar von Romeo und Julia wird in ein leuchtendes Jenseits geführt, wo die Händel und Greuel der Welt keine Rolle mehr spielen. Bei diesem Übergang bekommt auch die musikalische Interpretation eine neue, vornehme Qualität. – Wer aber schon zu Premierenbeginn den Platz aufsucht, muss lange Strecken der Befremdung durchleiden: Über ein verkopftes, dem Werk nicht dienliches Regiekonzept und ein schlecht geführtes Orchester, das den Mangel fehlender Präzision mit unmässiger Lautstärke zudeckt. – So steht die Aufführung im Zeichen der Ambivalenz: Man könnte sich bessere "Capuleti" denken, man kann aber auch zufrieden sein. Denn der starke Schluss legt ein Plus in die Waagschale. <

 

In "Anton Reiser", dem ersten Werk mit der Bezeichnung "psychologischer Roman" in der Literaturgeschichte (1785-90), beschreibt Karl Philipp Moritz, wie ein Gymnasiast den Tod erfährt:

 

Der Horizont war schon verdunkelt; der Himmel schien in der trüben Dämmerung allenthalben dicht aufzuliegen, das Gesicht wurde auf den kleinen Fleck Erde, den man um sich her sah, begrenzt – das Winzige und Kleine des Dorfes, des Kirchhofes und der Kirche tat auf Reiser eine sonderbare Wirkung – das Ende aller Dinge schien ihm in solch eine Spitze hinauszulaufen – der enge dumpfe Sarg war das letzte – hierhinter war nun nichts weiter – hier war die zugenagelte Bretterwand – die jedem Sterblichen den fernern Blick versagt. – Das Bild erfüllte Reiser mit Ekel – der Gedanke an dies Auslaufen in einer solchen Spitze, dies Aufhören ins Enge, und noch Engere, und immer Engere – wohinter nun nichts weiter mehr lag – trieb ihn mit schrecklicher Gewalt von dem winzigen Kirchhofe weg, und jagte ihn vor sich her, in der dunklen Nacht, als ob er dem Sarge, der ihn einzuschliessen drohte, hätte entfliehen wollen.

 

Die selbe Erfahrung nun evoziert Bettina Meyers Bühne im Stadttheater Bern für Vincenzo Bellinis "I Capuleti e i Montecchi". Aber das Grab, der winzige Kirchhof, der enge dumpfe Sarg, in den das Ende aller Dinge hinausläuft, erscheint in der Inszenierung von David Hermann nicht als "Ekel", sondern als Befreiung. Nur durch den selbstgewählten Tod können Romeo und Julia dem "Engen, und noch Engeren, und immer Engeren" erstarrter Kriegsverhältnisse entsteigen. Wenn sie im leuchtenden Jenseits angekommen sind, der schwarze Horizont sich wieder schliesst und die Oper endet, läuft die Aufführung auf die Erkenntnis hinaus, die Bertolt Brecht im "Leben des Galilei" mit den Sätzen formuliert hat:

 

Andrea: Unglücklich das Land, das keine Helden hat!

Galilei: Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.

 

Dem Liebespaar bleibt der Traum vom stinknormalen, glück­lichen, unheldischen Alltagsleben, realisiert durch das gemeinsame Kochen und Essen in einer kleinen Küche, versagt. Nur als Utopie steigt der Friede für die Dauer einer kurzen Szene auf. Aber die weisse Küche hat keinen Bestand. Bestand hat nur das Weiss des Nichts, das Weiss der Leere und des Jenseits, das sich als Ausweg aus der finsteren Welt auftut.

 

Bei erstarrten Gesellschaften, in denen Entwicklung, Umwandlung, Steigerung nicht möglich ist, wird das Verhalten mechanisch, gleichförmig, repetitiv. Und demgemäss behandelt Regisseur David Hermann auch den Chor. In den grauen Kostümen von Axel Aust bewegt er sich gefühl- und mitleidlos wie ein zombiehaftes Roboterheer und zeigt damit die Degradation des Volks in der Tyrannei.

 

Das hervorragend ausgeleuchtete (Bernhard Bieri) modulare Bewegungsschema des Chors, das an ferngesteuerte Programmierung erinnert, folgt Bellinis modularer Kompositionsweise. Da dem Komponisten aus Zeitnot die Inspiration fehlte, griff er in die Kiste und montierte die "Capuleti" mit vorgefertigten Elementen; darunter ganzen Passagen der einst durchgefallenen Oper "Zaira".

 

Die Künstlichkeit der Kompositionsweise spiegelt sich nun inszenatorisch in der Künstlichkeit der Chorbehandlung, welche ihrerseits die Künstlichkeit des unaufrichtigen Benehmens in den Diktaturen spiegelt.

 

Doch so genau das gedacht ist – es dient dem Werk nicht. Bis weit über die Pause hinaus prägt ein hämisch-denunziatori­scher Charakterzug die Aufführung. Das automatenhafte Benehmen des Chors legt mit peinlicher Evidenz das Schrummschrumm der Partitur bloss. Im Graben aber steuert Kapellmeister Sebastian Schwab nicht dagegen. Das Resultat: Unbelebte Mechanik für Auge und Ohr. Dabei gilt am Theater und in den Künsten noch immer: Wenn man zweimal dasselbe macht, ist es Quatsch. (An dieser Stelle zeigt sich die Weisheit der künstlichen Intelligenz: Diktiert wurde das Wort "Kitsch"; aber Siri ersetzte es durch "Quatsch".)

 

Wie anders, wie spannend, wie anrührend wäre es herausge­kommen, wenn das Berner Symphonieorchester das Leben, das auf der Bühne fehlt, in seinem Spiel realisiert hätte! Dann wäre der Enge die Weite entgegengetreten, der Konventionalität die Inspiration. Nun aber steigert sich die Aufführung nicht zum "Lob der Dialektik" (Brecht), sondern klebt fest auf dem Boden des Stadttheaters.

 

Die Sänger (man konnte den meisten schon in der vorangehenden Produktion "Pelléas et Mélisande" begegnen) sind gut. Hätte sich Intendant und Operndirektor Florian Scholz entschliessen können, mit ihnen "Rigoletto" zu geben, er hätte dafür das perfekte Ensemble gehabt. Für Belcanto aber sind die Stimmen eine Spur zu gross und zu schwer. Die Wollust der Beweglichkeit vermitteln sie nicht; nur die, allerdings beachtliche, Meisterung des Parts.

 

Evgenia Asanova gibt einen betörenden Romeo. Intensiv in Gesang und Spiel (wie schon als Mélisande), in jedem Moment überzeugend und im Ausdruck differenziert. Giada Borelli als Giulia realisiert mit Natürlichkeit die schmelzenden, weichen, zögernden Seiten der Rolle. Die Typen des starrsinnigen Vaters (Matheus França), des zweiten Liebhabers (Filipe Manu) und des weichherzigen Paters (Christian Valle) werden gesanglich engagiert und darstellerisch loyal versehen. Insgesamt also eine gute und solide Leistung. Man könnte sich zwar bessere "Capuleti" denken, man kann aber auch zufrieden sein.

 

Lieben unter erschwerten Verhältnissen ...

... im Blick eines Roboterheers: 

Da bleibt nur der weissleuchtende Tod.

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