Etwas Höheres als Zirkus. © Joel Schweizer.

 

 

Die Jahreszeiten. Deborah Epstein.

Bühnenbearbeitung des gleichnamigen Romans von Peter Bichsel.

Deborah Epstein, Florian Barth. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. Mai 2022.

 

> Nun hat auch Theater Orchester Biel Solothurn seinen Themenabend. Zur selben Zeit, wo im Volkstheater Wien "Ach, Sisi – neunundneunzig Szenen" gezeigt wird und im Pariser Théâtre national de la Colline "28 imig [28 1/2]", gibt es am Jurasüdfuss "Die Jahreszeiten", eine Bühnenfassung nach dem gleichnamigen Roman von Peter Bichsel. Offensichtlich entspricht, was alle machen, dem Trend. Trend wird, was ankommt. Originalität verlangt niemand. Gefragt ist Wiedererkennbarkeit. Im Vergrösserungsglas der Bühne will das Publikum die Welt bestaunen, aus der es herkommt. Bei den "Jahreszeiten" sind das die helvetischen Provinz­verhältnisse zur Zeit der Röhrenfernseher. Die Darstellung ruft mal private, mal kulturgeschichtliche Assoziationen hervor, verbunden mit mal vagen, mal konkreten Erinnerungen. Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Nostalgie. <

 

Gleichermassen angenehm für Veranstalter und Zuschauer von Themenabenden ist der Umstand, dass die sentimental-assoziative Kompilation keinen Faden hat. Damit ist niemand aufgefordert (und schon gar nicht überfordert), Zusammenhänge und Einsichten zu produzieren, sondern er/sie kann je nach Stimmung ein und aussteigen, träumen, summen, an der PET-Flasche nuckeln, mitschwingen, dösen, auf die Uhr schauen oder schmusen. In der Post-Postmoderne hat das Theater die strengen Ansprüche Brechts aufgegeben. Man darf wieder dasitzen wie ein Bourgeois und romantisch glotzen.

 

Und doch sind "Die Jahreszeiten", wie es die Spezifikation "eine Uraufführung nach dem Roman von Peter Bichsel" anzeigt, etwas anderes – und in der Intention "Höheres" – als das Zirkusvergnügen mit seiner naiven Zurschaustellung von ausserordentlichen Fähigkeiten und Schönheiten. Dort ist, strenggenommen, das Vergnügen pur. Hier verklemmt. Das Publikum muss bei allem, was ihm geboten wird, "aha!" mimen und in seiner Reaktion die Ausserordentlichkeit des Entzückens herausstellen, damit jedermann wahrnimmt, dass es zur Koterie gehört. Anders gesagt: Beim Themenabend verbirgt das in öffentlicher Hand stehende Theater nicht, dass es vom Spektakel herkommt, bedient aber dazu noch den "Bildungs­anspruch", für den es subventioniert wird.

 

In Biel-Solothurn kann Bühnenbildner Florian Barth zwar Raumeindrücke heraufbeschwören, Regisseurin Deborah Epstein Gruppen arrangieren, aber eine Handlung im eigentlichen Sinn bringen sie nicht zustande. Doch das ist auch nicht gewollt. Denn der Abend kokettiert mit dem Versagen. "Die Unmöglichkeit der Narration" ist ein beliebtes Sujet. Im Odéon, Théâtre de l'Europe, bildet es zur Zeit den Plot bei "Le Ciel de Nantes" von Christophe Honoré.

 

"So what?", würde an dieser Stelle die Kritikerin von "Télérama", Fabienne Pascaud, fragen. Worauf ihr Kollege René Solis von "Libération" antworten würde: "Moi, je me suis amusé." Und das ist auch das Kriterium, das einzige, für derlei Veranstal­tungen: "Am I pleased?" Dornig wird's erst bei der Anschluss­frage, die die angelsächsischen Kollegen zu stellen pflegen: "Am I right to be pleased?"

 

Wer mit träumerisch-assoziativem Gefühls- und Halbbewusst­seinsstrom im Theaterfauteuil sitzen möchte und, durch das Spiel der Bühne veranlasst, das Spiel der eigenen Seelen­regungen geniessen möchte, wird die Frage vehement bejahen. Unlösbar aber wird die Aufgabe für den Betrachter, der angeben möchte, warum das Projekt der Epstein besser oder gleich gut oder schlechter sei als die Projekte von Rau, Marthaler, Mondtag, Reckewell/Rasch oder Richter/van Dijk. Denn die Basis des Urteils beruht, wie es bei flüchtigem Blick den Anschein macht, ausschliesslich und allein auf dem subjektiven Wohlgefallen: "Hat mich der Abend gepackt und amüsiert, oder bin ich etwa gar nicht hinein­gekommen?"

 

Doch so spontan und frei, wie man gern annehmen möchte, bildet sich die Einschätzung nicht. Sie ist abhängig von den persönlichen Einstellungen und Vorurteilen, und die wiederum sind gesellschaftlich vermittelt. Durch Konvention zunächst. Das merkte der junge Dr. med. Sigmund Freud, als er am 16. Oktober 1885 den Louvre besuchte: "... auch die berühmte Venus von Milo ohne Arme habe ich gesehen und ihr das landesübliche Kompliment gemacht. Ich glaube, die Schönheit der Statue ist erst später entdeckt worden, und es ist viel Übereinkommen dabei. Für mich haben die Dinge mehr historischen als ästhetischen Wert."

 

Das landesübliche Kompliment. Da es sich bei den "Jahres­zeiten" um herkömmliche Avantgarde handelt, bildet die vorliegende Besprechung, dem Stil des Abends entspre­chend, eine Kompilation. Dazu verwendet sie Rezensionen der "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" zu

 

– "28 imig [28 1/2]" von Oriol Broggi,

– "Le Ciel de Nantes" von Christophe Honoré und

– "Verweile doch" von Deborah Epstein.

 

Unter dem letzten Titel findet sich auch, als Denkspruch zum Themenabend, der Satz von Georg Christoph Lichtenberg: "Was man nicht gleich sieht, ist keine drei Groschen wert, artifizielles Gewäsch."

 

"Was man nicht gleich sieht, ...

... ist keine drei Groschen wert, ...

... artifizielles Gewäsch." (Lichtenberg)

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