Im "dramma giocoso" spiegelt das Strassburger Opernhaus die Folgen des Krieges wider. © Klara Beck.

 
 

 

Così fan tutte. Wolfgang Amadeus Mozart.

Dramma giocoso.

Duncan Ward, David Hermann. Opéra national du Rhin, Strassburg.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. April 2022.

 

> Die Ouvertüre ist ein Unglück. An der fünften Vorstellung im Strassburger Opernhaus sind die Instrumente nicht beisammen. Sie spielen keine Musik. Sie hecheln dem Takt hintendrein. Deshalb sind alle Läufe des Prestos verschmiert. Der Fehler liegt beim Dirigenten. Sein Tempo ist viel zu hoch. Der 33-jährige Duncan Ward macht eben zum ersten Mal Mozart. Und obendrein gleich "Così"... Doch dann geht der Vorhang auf, und alles wird gut. <

 

Als der Vorhang aufgeht, wird, wie im Stummfilm, bei der Übertitelung eine Jahreszahl eingeblendet: 1913. In dieser Epoche lässt Regisseur David Hermann die Handlung einsetzen. 1913 ist das Jahr vor dem "Grossen Krieg", wie die Zeit­genossen die Katastrophe nannten, welche von den Söhnen zu "Erster Weltkrieg" umgetauft werden musste.

 

Auf der Bühne hat das Volk von dem, was droht, keine Ahnung. Es ist wie im Leben. Unbeschwert geniesst es die Tage. Kein Zweifel an der Treue der Bräute. So, wie es war, werde es ewig weitergehen, meinen sie.

 

Wir aber wissen es besser. Und damit hat die Inszenierung auch schon das klassische Komödiengefälle installiert, wo der Zuschauer mehr weiss als die Figuren, und aktualisiert. In der Ahnungslosigkeit der Personen spiegelt sich nun die Weltauffassung Westeuropas vor dem 24. Februar 2022 wider.

 

Ein junger Mann richtet die Flinte nach oben und zielt nach Vögeln. Dann lädt er nach. Er verwendet Gewehr, Kugel und Schuss als Mittel zu Sport und Spiel. O glückliche Zeit! Als "Belle Epoque" ist sie in die Geschichtsbücher eingegangen. Sie kam nicht wieder.

 

In der dritten Szene erfolgt der Umschlag: "Grausames Schick­sal!" (Barbaro fato!) Eingeblendet wird die Jahreszahl 1914. Don Alfonso erklärt: "Aufs Schlachtfeld ruft sie [die jungen Männer] der Befehl des Königs." (Al marzial campo / ordin regio li chiama.)

 

Als die jungen Männer 1917 zurückkommen, sind sie unkenntlich. Der Krieg hat sie versehrt. Ihre primitiven Krücken, blutigen Bandagen und eingeschienten Glieder lassen Despina zurück­schrecken: "Was für ein Anblick! Was für Kleider! Was für Gesichter! Was für Schnurrbärte! Ehrlich, sie haben vollkommen ungewöhnliche Schnauzen, ein wahres Mittel gegen die Liebe."

 

Bei allen genialen Operninszenierungen macht das Werk die Neudeutung mit. Da liegt das Kriterium. Das Wunder ereignete sich 2016 bei Alexander von Pfeils Inszenierung von "L'Elisir d'amore" in Koblenz, 2017 bei Matthew Wilds "Don Giovanni" in Bern und bei Joël Lauwers' "Il Barbiere di Siviglia" in Biel-Solothurn. Der Geist weht, wo er will.

 

Ohne dass eine Zeile geändert zu werden brauchte, zeigen sich neue, bisher übersehene Sinnmöglich­keiten. In Strassburg denunziert "Così" hinter der Kriegsbegeisterung die Rückseite der Medaille: "Schönes Militärleben! Jeden Tag an einem anderen Ort; heute viel, morgen wenig Geld, jetzt auf der Erde, jetzt auf dem Meer. Das Feuer von Geschützen und Bomben stärkt die Arme und Seelen, die den Sieg erringen wollen. Bella vita militar!"

 

Auf diese Weise wird "Così fan tutte" zur tragikomischen Gratwanderung. Die jungen Männer spielen, sie seien verletzt; sie spielen, sie hätten sich vergiftet; sie spielen, sie würden sterben. Das veranstalten sie, um zwei Frauen herumzukriegen.

 

Regisseur David Hermann aber macht unabweislich klar, wie streng und kalt, ja im wahrsten Sinne grenzwertig Mozart und da Ponte in "Così" Scherz und Ernst, Mitleid und Entsetzen, Komik und Frivolität durcheinandergemischt haben.

 

Im "dramma giocoso" spiegeln die Männer die Folgen des Krieges wider. Und das Strassburger Opernhaus spiegelt hinter dem musikalischen Lustspiel die beiden Weltkriege wider, und hinter den Weltkriegen den aktuellen Krieg in der Ukraine. Spiegelung der Spiegelung der Spiegelung. Die französische Philologie verwendet dafür den unübertrefflichen Begriff "Mise en abyme", zu deutsch: In-Abgrund-Setzung.

 

Aufführungen, die es dahin bringen, ragen heraus. Sie sind bemerkenswert, singulär. Doch der Gipfel ist, dass das Werk, um die Qualität der Inszenierung zu ratifizieren, den Ansatz im Finale mit den Linien beglaubigt:

 

Alle.

Glücklich, wer alles von der guten Seite nimmt

und sich in allen Glückswechseln und Unglücksschlägen von der Vernunft leiten lässt.

Was die andern üblicherweise zum Weinen bringt, ist für ihn Anlass zum Lachen,

und mitten in den Wirbeln der Welt wird er die Heiterkeit finden.

 

Ende.

 

 

Tutti.

Fortunato l'uom che prende – ogni cosa del buon verso

e tra casi e le vicende – da ragion guidar si fa.

Quel che suole altrui far piangere – fia per lui cagion di riso

e del mondo in mezzo ai turbini - bella calma trovera.

 

Fine.

 

Kein Wunder, spielt bei diesem Ansatz die Musik mit. In den Ensembles erreicht sie Wohlklang von jenseitiger Schönheit. Dirigent Duncan Ward lässt Sänger und Musiker atmen. Neben heftigen, leidenschaftlichen Ausbrüchen wie bei der unübertrefflichen und unübertrefflich dargebotenen Fiordiligi-Arie (Gemma Summerfield) ist ein neuartiges, für die Zeit revolutionäres Klanggeschehen zu erleben: Samtene, weiche Schönheit von nie gehörter Melancholie. Trauer hat die Musik schon immer auszudrücken verstanden. Aber Melancholie?

 

Wenige Monate vor seinem Tod wurde der hochbetagte Karl Barth von der Radiosendung "Musik für einen Gast" besucht. Das Atmen bereitete ihm schon Schwierigkeiten. Die Stimme war zittrig. Aber er wusste immer noch, was er wollte, und er drückte seine Gedanken scharf aus. "Sie haben, Herr Professor, nur Mozart gewünscht", stellte die Moderatorin Roswitha Schmalenbach am Anfang des Gesprächs fest. "Das ist gegen das Prinzip der Sendung. Aber für Sie mache ich eine Ausnahme. Doch sagen Sie mir: Warum wünschen Sie keinen anderen Komponisten?" Der Theologe überlegte nicht lange: "Die Engel hören nur Mozart!" In Mozart, führte der Vater der dialektischen Theologie aus, sei alles drin: Freude und Schmerz, Aufbruch und Nieder­geschlagenheit. Doch vor allem Mut. Mut, immer wieder neu anzufangen, Mut, seine Aufgabe zu meistern. Mut zum Leben.

 

Karl Barths Aufzählung war nicht vollständig. Es fehlt in ihr eine essentielle Kategorie: die Ehrlichkeit. Was immer Mozart schreibt, es ist nie falsch; nie falsch im ästhetischen, aber auch nie falsch im ethischen Sinn. Die Lauterkeit, welche den Komponisten auszeichnet, bringt nun die Strassburger Opernbühne mit ihrer "Così fan tutte"-Produktion in einmaliger Eindringlichkeit zu Gehör und vor Augen. Man darf von einem Ereignis reden.

 

Glücklich ...

... wer alles von ... 

... der guten Seite nimmt.

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