Ein naturalistisches Provinzkino. © Jean-Louis Fernandez.

 
 

 

Le Ciel de Nantes. Christophe Honoré.

Schauspiel.

Christophe Honoré, Mathieu Lorry-Dupuy. Odéon, Théâtre de l'Europe, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 29. März 2022.

 

> Volkstümliches Theater wird für das Volk gemacht. Auf diese Weise fühlt sich das Volk ernstgenommen. Gern begegnet es Figuren und Situationen, die ihm bekannt sind. Dann ruft es: "Schaut, so sind wir!" Und wenn die Beleuchtung ein bisschen speziell ausfällt, jubelt es: "Wir sind speziell!" Dieses Rezept hat der Filmemacher, Autor und Regisseur Christophe Honoré angewandt, um einen volkstümlichen Hit zu landen. Nun belegen die Pariser vom Schüler bis zum Rentner Abend für Abend alle achthundert Plätze des Odéon, Théâtre de l'Europe, für den "Ciel de Nantes". Im Vergrösserungsglas der Bühne bestaunen sie die Verhältnisse, aus denen sie herstammen: Französische Provinzfamilie zur Zeit der Röhrenfernseher. Das Geheimnis des Erfolgs liegt in der Nostalgie. <

 

Zu allen Zeiten haben die Schriftsteller und Dichter thematisiert, was im Begriff war, verlorenzugehen. Im Mittel­alter, als die Städte erblühten und die Ritter zu Raubrittern absanken, wurden die Helden und ritterlichen Tafelrunden besungen. In der Romantik, als die Industrie aufkam und die Eisenbahnlinien begannen, das Land zu durchpflügen, wandte sich die Dichtung der Natur zu. Im Realismus, als sich das Arbeiterproblem zu stellen begann, wurde das bäuerliche Leben literaturwürdig. Heute nun, wo jede zweite Ehe geschieden wird und manche Kinder in Patchwork-Konstellationen oder bei Alleinerziehenden aufwachsen, beschäftigt sich die Bühne mit der klassischen, aber dem Untergang anheimgegebenen Familie. In Paris geschieht das zur Zeit in Stücken wie "La Famille Ortiz" (Théâtre Rive Gauche), "Fanny et Alexandre" (Comédie-Française) und "Le Ciel de Nantes" (Odéon); in Wien mit "Am Ende Licht" und "Moskitos" (beide am Burgtheater) sowie "Der Bockerer" (Josefstadt).

 

Bei aller Problematik (Heimito von Doderer: "Wer sich in Familie begibt, kommt darin um.") bietet (bzw. bot) das soziale Konstrukt der Familie die Annehmlichkeit des selbst­verständlichen Dazugehörens. Was immer einem im Leben zustiess – zur Familie konnte man jederzeit zurückkehren. Paradig­matisch dafür ist das Gleichnis vom verlorenen Sohn:

 

Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir und bin hinfort nicht mehr wert, dass ich dein Sohn heisse; mache mich zu einem deiner Tagelöhner! Und er machte sich auf und kam zu seinem Vater. Da er aber noch ferne von dannen war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn, lief und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn.

 

Lukas 15, 18-20.

 

Die Sehnsucht nach Heimkehr in den Familienschoss bedient auch Christophe Honoré im "Ciel de Nantes". Er stellt eine Figur auf die Bretter, die seine Biografie hat und seinen Namen trägt. Christophe Honorés Bühnengestalt versucht, sich mit dem Mittel des Films die verstorbenen Familienmitglieder zu vergegenwärtigen. Dafür zeigt das Dekor von Mathieu Lorry-Dupuy in naturalistischer Treue den Saal eines Provinzkinos. Das ist schon einmal spektakulär. Dazu aber kommt die Vermischung der Theaterhandlung mit Live-Video und Film-Trial-Ausschnitten. Das ergibt eine atemberaubende Mehrbödigkeit. Doch den Gipfel bildet der Umstand, dass sich die Kinozuschauer als die verstorbenen Familienmitglieder entpuppen. Sie kommentieren ihr früheres Leben und rechtfertigen ihre längst vergangenen Verhaltensweisen. Da es sich bei ihnen um Menschen aus der Unterschicht einer Provinzstadt handelt, können sie sich nur mit Floskeln ausdrücken. Dadurch ergibt sich, ästhetisch gesehen, auf der modernen Bühne die Typenkomödie des Volkstheaters.

 

So weit, so gut. Christophe Honoré hat in seiner dreifachen Funktion als Autor, Cineast und Theaterregisseur die Ingredienzen für einen populären Erfolg zusammengebracht. Dass es zu mehr nicht reicht (Alfred Kerr hätte der Aufführung jeden "Ewigkeitszug" abgesprochen), liegt an der Schwäche des Autors. Der Cineast kann zwar Elemente abbilden, der Regisseur Personen führen, aber der Autor kann keine Handlung konstruieren. Vielleicht ist ihm der Stoff zu nah, oder er kokettiert mit dem Versagen. (Die Unmöglichkeit, einen Stoff zu bewältigen, ist ein beliebtes Sujet. Im Théâtre national de La Colline bildet es gerade den Plot bei "28 imig [28 1/2]".)

 

So läuft der Abend auf vielfaches Wiederholen von "More of the same" hinaus, und wenn man nach dem ersten Drittel zu fragen beginnt: "So what?", übertrifft die Erkenntnis nicht die banale Tatsache, die Lydia Zwahlen, Putzfrau aus Bümpliz, in die Worte gefasst hat: "Unter jedem Dach ein Ach." Zynisch ausgedrückt: "Much ado about nothing". Aber so liebt's das Volk, im Unterschied zum Intellektuellen:

 

Man vergleiche damit die Naivität des gemeinen Mannes, des wirklich sinnlichen Menschen. Seine Einbildungskraft ist roh, durch Vergleichungen ungebildet. Das Gegenwärtige ist ihm daher immer gross und anziehend, weil es von allen Seiten Eindruck auf ihn gemacht hat. Man höre ihm nur zu, wenn er die geringste Stadtbegebenheit, einen Todesfall, eine Familiengeschichte erzählt. Er eilt nicht schnell zum Schluss, wie der [intellektuelle] philosophische Erzähler; er drängt keine Begebenheiten [zusammen], er malt aus. Jeder einzelne Eindruck ist ihm kostbar, er sucht ihn wiederzugeben. Daher das Umständliche, das den Gelehrten so lästig ist, und das doch eigentlich das [kleine alltägliche] Ding zu einer Begebenheit macht.

 

Johann Heinrich Merck, in: Teutscher Merkur 1778.

 

Vielfaches Wiederholen ... 

... des ewigen ... 

... "More of the same". 

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