"Die Collage wird zur Montage." © David Ruano.

 
 
 

 

28 imig [28 1/2]. Oriol Broggi.

Revue.

Oriol Broggi. Produktion der Kompanie La Perla 29, Barcelona, im Théâtre national de la Colline, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 29. März 2022.

 

> Auch Paris hat seine Themenrevue. Zur selben Zeit, wo in Wien "Ach, Sisi – neunundneunzig Szenen" gezeigt wird, läuft im Théâtre national de la Colline "28 imig [28 1/2]" (sic!), ein Gastspiel aus Barcelona. Oriol Broggi hat für die Kompanie "La Perla 29" die Show konzipiert, inszeniert und ausgestattet. Die Zahlen zeigen: Was alle machen, entspricht dem Trend. Trend wird, was ankommt. Originalität verlangt niemand. Gefragt ist Wiedererkennbarkeit. Und die leistet Oriol Broggi in dreierlei Hinsicht: optisch, akustisch, inhaltlich. 28 1/2 Ausschnitte von Texten, Gedichten und Filmen (so deute ich den kryptischen Revuetitel) defilieren in 2 1/4 Stunden auf der zur Manege hergerichteten Bühne und rufen mal private, mal gelehrte Assoziationen hervor, verbunden mit mal vagen, mal konkreten Erinnerungen. <

 

Niemand kann die Provenienz aller zitierten Szenen zum Thema "Kunst schaffen" angeben. Dafür ist der Produktefächer zu breit. Er reicht von der "Divina commedia" über "Hamlet" zu "Faust". Von Sätzen des Philosophen Epikur zu einer Performance von Vittorio Gassmann. Von Thomas Manns Erzählung "Tonio Kröger" zu einem Brief von Jordi Grau. Eingespielt werden Filmszenen von Fellini, Murnau, Bergmann u. a. Dazu drei Ausschnitte aus Werken von Wajdi Mouawad, dem Direktor der Colline. (Honni soit qui mal y pense.) Ästhetisch entspricht das Ganze einer Brockenstube. Oder dem Ausverkauf: "Alles muss raus!" Das Programmheft zieht es vor, das "Lexikon des modernen und zeitgenössischen Dramas" (2010) anzuführen: "Die Collage wird zur Montage, wenn sie sich wiederholt und in eine Sukzession autonomer Elemente mündet." Die Definition erinnert ans Athenäumsfragment: "Naiv ist, was bis zur Ironie, oder bis zum steten Wechsel von Selbstschöpfung und Selbstvernichtung natürlich, individuell oder klassisch ist oder scheint." Alles klar? Gut! "Genialischer Scharfsinn ist scharfsinniger Gebrauch des Scharfsinnes."

 

Gleichermassen angenehm für Veranstalter und Publikum von Revuen ist der Umstand, dass das sentimental-assoziative Nachmittags- bzw. Abendvergnügen keinen Faden hat. Damit ist niemand aufgefordert (und schon gar nicht überfordert), Zusammenhänge und Einsichten zu produzieren, sondern er/sie kann je nach Stimmung ein und aussteigen, träumen, summen, an der PET-Flasche nuckeln, mitschwingen, dösen, auf die Uhr schauen oder schmusen. In der Post-Postmoderne hat das Theater die strengen Ansprüche Brechts aufgegeben. Man darf wieder dasitzen wie ein Bourgeois und romantisch glotzen.

 

Und doch ist "[28 1/2]", wie es die eckige Klammer anzeigt, etwas anderes – und in der Intention "Höheres" – als das populäre Varieté mit seiner naiven Zurschaustellung von ausserordentlichen Fähigkeiten und Schönheiten. Dort ist, strenggenommen, das Vergnügen pur. Hier verklemmt. Das Publikum muss bei allem, was ihm geboten wird, "aha!" mimen und in seiner Reaktion die Ausserordentlichkeit des Entzückens herausstellen, damit jedermann wahrnimmt, dass es zur Koterie gehört. Anders gesagt: Bei der Themenrevue verbirgt das in öffentlicher Hand stehende Theater nicht, dass es vom Spektakel herkommt, bedient aber dazu noch den "Bildungs­anspruch", für den es subventioniert wird.

 

1817 trat Goethe als Direktor des Weimarer Hoftheaters zurück, als die Mätresse des Grossherzogs durchsetzte, dass die Bühne, auf der "Iphigenie", "Wilhelm Tell" und "Wallenstein" zur Uraufführung gekommen waren, freigegeben wurde für das Gastspiel eines Hundetheaters. Im Théâtre national de La Colline fährt jetzt eine Vespa auf und erfüllt den Zuschauer­raum mit nostalgischem Benzinduft. Und ein edler Hengst zieht gemessenen Schrittes seine Kreise und streckt das schlanke Haupt den Schauspielern zum Tätscheln und Streicheln hin. Dazu gibt es Musik von Nino Rota, live und ab Band. Und Ausschnitte aus Fellinis "Otto e mezzo", "Amarcord" und den "Clowns", live und ab Film, mit bewegtem Bild. Auf diese Weise wird "28 imig [28 1/2]" zur inklusiven Revue für unsere Zeit. Anything goes.

 

Andererseits: Die Weisheit der Alten. 1797 schrieb Goethe an Schiller: "Es ist mir dabei recht aufge­fallen, wie es kommt, dass wir Modernen die Genres so sehr zu vermischen geneigt sind, ja dass wir gar nicht einmal imstande sind, sie voneinander zu unterscheiden."

 

Die Bühne wird zur Manege. 

 
 
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