Trotz moderner Requisiten werktreu. © Joel Schweizer.

 

 

Der eingebildete Kranke. Molière.

Komödie.

Katharina Rupp, Vazul Mausz, Cornelia Brunn. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 13. März 2022.

 

> Eine gute und solide Arbeit. Die Situationen sind routiniert aufgebaut. Die derbe Komik des Originals wird wohlgelaunt ausgespielt. Die Rollenbilder entsprechen Molières Intention. Man erkennt das Stück wieder. Man erkennt auch den Theaterstil wieder, in dem die Häuser von Biel und Solothurn seit ihrer Gründung 1927 die Klassiker darzubieten pflegten. So kommt "Der eingebildete Kranke" zur Freude der konservativen Theatergänger werktreu auf die Bretter. Oder auf gut Deutsch: Cuisine traditionnelle. <

 

In der Ära Freihart (1972-1983) wurde die Spielzeit stets mit Molière beendet. So sah man in Biel-Solothurn nacheinander "Die Schule der Frauen", den "Tartuffe", den "Geizigen", "Don Juan", "Georges Dandin" und den "Menschenfeind". Die Komödien sollten die Zuschauer wohlgelaunt in die Sommerpause entlassen und zur Verlängerung des Abonnements animieren. Jedes Mal lag die Inszenierung in den Händen des Hausherrn.

 

Die Aufführungen waren abwechslungsreich. Denn Alex Freihart achtete auf Kontrast. Er folgte damit dem Schema von Molière selbst: Auf eine stille Szene folgt eine laute; auf eine belebte eine ruhige; auf eine komische eine ernste; auf eine rasante eine nachdenkliche.

 

So war es auch beim "eingebildeten Kranken", der am 5. Mai 1977 zur Premiere kam. Das Stück wurde in seiner Entstehungszeit belassen. Argan, der Hypochonder, badet die Füsse in einem Holzbottich. Als reicher Mann trägt er, kostümiert von Hanna Wartenegg, einen reich bestickten Hausrock. Barock erscheinen auch die anderen Figuren. Béralde, der Bruder, ist ausstaffiert mit Perücke, Jabot, Armrüschen, Pluderhose und Seidenstrümpfen.

 

Ein halbes Jahrhundert später inszeniert die Schauspiel­direktorin Katharina Rupp den "eingebildeten Kranken" ebenfalls werktreu. Requisiten, Bühnenbild (Vazul Matusz) und Kostüme (Cornelia Brunn) wurden zwar unauffällig der Moderne angeglichen, aber Verlauf und Tendenz des Stücks bleiben unverändert. Drei grössere Schnitte, den materiellen Gegebenheiten des Hauses geschuldet, ändern daran nichts.

 

Gestrichen sind, wie bei den allermeisten Inszenierungen, die Balletteinlagen und die Musik von Marc-Antoine Charpentier; gestrichen ist die Schlusschor mit 8 Trägern von Infusions­spritzen, 6 Apothekern, 22 Ärzten und 10 Chirurgen; und gestrichen ist die kleine Louison, Argans zweite Tochter. Um die Rolle mit einer Kinderdarstellerin zu besetzen, die hinter den Erwachsenen nicht zurücksteht, brauchte man eine Schauspielerfamilie wie bei der Troupe du Roi oder der Comédie-Française.

 

Dann könnte man jene Verhörszene bringen (Akt 2, Szene 8), die in der komischen Literatur einmalig dasteht: "Sagen Sie mir alles", befiehlt der Vater seinem Töchterlein, "denn hier ist ein kleiner Finger, der alles weiss und mir angeben wird, wenn Sie lügen." "Aber, mein Papa, sagen Sie meiner Schwester nicht, dass ich es Ihnen gesagt habe." "Nein, nein." "Es ist, mein Papa, dass ein Mann ins Zimmer meiner Schwester gekommen ist, als ich dort war."

 

Trotz der Schnitte bleibt in Katharina Rupps Inszenierung – und das kennzeichnet ihre Handschrift – die grosse Klarheit der Konstruktion bestehen. Man weiss in jedem Moment, woran man ist. Das macht die Aufführung dem breiten Publikum verständlich. Und wer, wie Jean Anouilh, das Gespür hat, sieht:

 

Molière hat das Tier Mensch wie ein Insekt aufgespiesst und löst mit feiner Pinzette seine Reflexe aus. Und das Insekt Mensch zeigt nur den einen, immer gleichen Reflex, der bei der geringsten Berührung aufzuckt: den des Egoismus.

 

Versuchen Sie, Argans Herz zu ergründen, hinter seiner Angst vor dem Tod und seiner Lächerlichkeit verbirgt sich ein rasender Egoismus. Und so denken eigentlich alle Figuren, wenn man ihr Verhalten und ihre Worte auf die Waagschale legt, nur an ihr begrenztes, kleines Ich und seine albernen Befriedigungen.

 

Man kann das Personal des "eingebildeten Kranken" durchanaly­sieren, und Anouilh behält recht. Es besteht aus lauter "In­sek­­ten":

 

Wer ist nun also gut bei Molière? Wer liebt? Wer schenkt einem anderen etwas, nicht nur sich selber?

 

Keine Antwort auf diese Frage. Molières Personen schauen sich verlegen an und schweigen.

 

Diese Tatsache brachte Gustave Flaubert zum Schluss:

 

Die Traurigkeit Molières kam ganz sicher aus der menschlichen Dummheit, die er in sich eingeschlossen fühlte. Er litt an den Diafoirus' [Arzt im "Kranken"] und den Tartuffes, die ihm auf dem Weg über die Augen ins Gehirn drangen.

 

Katharina Rupp betont diese pessimistische Auffassung, indem sie den Komödientyp des Raisonneurs, also des vernünftigen Aussenstehenden, in der Gestalt von Béralde als selbst­bezogenen Süffel und Schlemmer inszeniert. Damit zeigt sich der Hedonismus in der Darstellung von Mario Gremlich als Kehrseite der Hypochondrie. Ein glänzender Gedanke.

 

Doch das junge Volk, dem Rausch der Liebe verfallen, ist nicht besser; immer der gleiche Reflex, der bei der geringsten Berührung aufzuckt: Ich, ich, ich. Das "gmögige Gsichtli" der Schauspielstudentin Alida Stricker täuscht darüber so wenig hinweg wie der jünglingshafte Impetus von Simon Rusch, der an der Premiere mit seiner messerscharfen Diktion das Ohr des Kritikers bestrickte.

 

Die Untreue und eiskalte Habgier der Frau, vom persönlich betroffenen, leidgeprüften Molière drastisch ins Licht gestellt, führt bei der Schauspielerin Atona Tabé zu ungerührtem Primadonnengehabe und Upper-Class-Kostümierung, während die Wendigkeit Toinettes, der Dienerin, bei Antonia Scharl an die Artistik der Commedia dell'arte gemahnt.

 

So achtet Katharina Rupp, wie seinerzeit Alex Freihart bei der Szenenfolge, bei der Inszenierung des "eingebildeten Kranken" auf Gegensätzlichkeit in der Figurenkonstellation. Und bei der Hauptfigur, dem eingebildeten Kranken, ist die Gegensätzlich­keit gar ins Bewegungsbild eingeschrieben. Günter Baumann liegt, schleicht, stöhnt, trippelt, bäumt sich auf wie ein gestochenes Pferd, um hinter der Vielfalt der Haltungen nur groteske Selbstbezogenheit und mangelnden Wirklichkeitssinn zu verraten.

 

Nicht mithalten können an der Premiere Max Merker (Notar, Diafoirus, Purgon) und Schauspielstudent Aurelius Thoss, beide aus ähnlichen Gründen: Stimmprobleme, verwaschene Diktion. Damit desavouieren sie ihre Figuren auf irritierende Weise.

 

Übers Ganze gesehen aber ist es gut, dass aus Anlass des 400. Geburtstags am Jurasüdfuss wieder ein Molière gegeben wurde:

 

Ich lese von Molière alle Jahr einige Stücke, so wie ich auch von Zeit zu Zeit die Kupfer nach den grossen italienischen Meistern betrachte. Denn wir kleinen Menschen sind nicht fähig, die Grösse solcher Dinge in uns zu bewahren, und wir müssen daher von Zeit zu Zeit immer dahin zurückkehren, um solche Eindrücke in uns anzufrischen.

 

Johann Wolfgang von Goethe

 

Selbstbezogenheit ... 

... im Verhalten ...

... aller Figuren.

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