Vergröbert durch dicke Masken. © Susanne Hassler-Smith.

 
 
 

 

Am Ende Licht. Simon Stephens.

Schauspiel.

Itlja Rupprecht. Burgtheater Wien.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 10. März 2022.

 

> Laut Wikipedia und Programmheft wurde Simon Stephens in der Kritikerumfrage von "Theater heute" 2006, 2007, 2008, 2011 und 2012 zum besten ausländischen Dramatiker des Jahres gewählt. Heute zeigt nun das Burgtheater "Am Ende Licht", das Stück aus dem Jahr 2019. Unter dem Titel "Light Falls" ist es in London zur Uraufführung gekommen. Es bringt eine Familienkonstella­tion aus der unteren Mittelschicht Englands mit ihren pitto­resk ausfransenden Verhältnissen und ihrem durchnormierten, eingeschränkten Sprachgebaren. <

 

Die Mutter stirbt im Supermarkt an einer Hirnblutung. Der Vater treibt's derweil zu dritt in einem Hotel. Die eine Tochter erwacht nach einer Besäufnis mit einem Fremden im Bett. Die andere Tochter trennt sich vom Vater ihres Kindes, einem Junkie. Der Sohn trifft sich mit dem Lover am Strand. Am Ende kommen alle zum Begräbnis zusammen.

 

Simon Stephens' Szenenreihe könnte in der Machart aus Arthur Schnitzlers "Reigen" stammen. Sie bringt Menschen zusammen und lässt durch den Dialog Charaktere und Verhältnisse ans Licht treten. Die Personen sprechen kein literarisches Englisch. In der Floskelhaftigkeit ihrer Ausdrucksweise verrät sich die gesellschaftliche Zugehörigkeit, die zeitgeschichtliche Epoche und die Fremdbestimmung der Ansichtsweisen. Die sozialen Konstanten (Programmheft: "Alle Abgründe, die wir von anderen Stücken mit einer Familie im Zentrum kennen, werden benannt") wachsen, wie bei Schnitzler, aus einem konkreten Milieu und einer bestimmten Situation.

 

Doch statt England bringt die Inszenierung von Itlja Rupprecht nun die Bundesrepublik ans Burgtheater, und da können die Wiener lernen, was an den deutschen Staats- und Stadttheatern gang und gäbe und fürs Theatertreffen verlangt ist: Das Stück – jedes Stück! – wird durch Überstülpen und Verschieben vergrössert, vergröbert und verfremdet.

 

Bei "Am Ende Licht" machen dicke Masken und absurde Perücken die Gesichter der Schauspieler zu Fratzen. Elemente der Simultanbühne und zwei Bildschirme mit Green-Screen-Signalen reissen die Dialoge aus der Verankerung und verschieben sie durch den Hall von Lippenmikrofonen und live produzierten Klangfeldern in die Ortlosigkeit des Alls. Am Ende legt das Publikum die am Eingang verteilte 3D-Brille auf und sieht minutenlang zu Minimal Music einen leeren Planeten hin- und wegzoomen wie das Gewicht einer galaktischen Pendeluhr. So zerdrückt der grosstuerische Gestus der bundesdeutschen Staats- und Stadttheaterkonventionalität die Leute der unteren englischen Mittelschicht.

 

In einem Kaffeehaus neben dem Staatstheater sagte kürzlich ein selbstkritischer Generalintendant und Operndirektor, das deutsche Schauspiel sei im Begriff, sich selber abzuschaffen. Wenn es so weitermache, werde es in zehn Jahren nicht mehr existieren. – Der spärlich besetzte Zuschauerraum des Akademietheaters vom Samstagabend, an dem "Am Ende Licht" gegeben wurde, beglaubigt diese Prognose.

 

Mit Green-Screen-Technik. 

Verfremdet. 

Fürs Auge inszeniert. 

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