Ein "Faust" mit Puppen und Figuren. © Joel Schweizer.

 

 

Faust I. Johann Wolfgang von Goethe.

Tragödie.

Nis Soegaard, Jonathan Gentilhomme, Lili Laube. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. Februar 2022.

 

> Er nannte den "Faust" nicht eine alte Schwarte, wohl aber ein Ragout. Also ein Gericht, in dem verschiedene Fleisch­stücke durcheinander schmoren. Die Sauce ist Mephisto: "Und wenn der Narr durch alle Szenen läuft, so ist das Stück genug verbunden", sagte Goethe. – In Biel-Solothurn setzt nun die Schauspielsparte zur Bindung nicht auf den Teufel, sondern auf die Form: Puppen, Masken und Klänge bilden die Klammer, die "vom Himmel durch die Welt zur Hölle" führt. Dabei sind nicht alle Teile von gleicher Qualität (wie beim Ragout). <

 

Am Sonntag, den 6. Mai 1827 besuchte Johann Peter Eckermann das "grosse Diner bei Goethe" zu Ehren des Pariser Journali­sten Ampère (Sohn des Physikers) und seines Freundes Stapfer (Übersetzer von Goethes Dramen ins Französische). "Das Gespräch", berichtet der Privatsekretär, "wendete sich auf den 'Tasso', und welche Idee Goethe darin zur Anschauung zu bringen gesucht. 'Idee?', sagte Goethe, '– dass ich nicht wüsste!' "

 

Die Stelle aus den "Gesprächen mit Goethe" ist berühmt:

 

Die Deutschen sind wunderliche Leute! – Sie machen sich durch ihre tiefen Gedanken und Ideen, die sie überall suchen und überall hinein legen, das Leben schwerer als billig. – Ei! so habt doch endlich einmal die Courage, euch den Eindrücken hinzugeben, euch ergötzen zu lassen, euch rühren zu lassen, euch erheben zu lassen, ja euch belehren und zu etwas Grossem entflammen und ermutigen zu lassen; aber denkt nur nicht immer, es wäre alles eitel [unbe­deutend, nichtswürdig], wenn es nicht irgend abstrakter Gedanke und Idee wäre!

 

Da kommen sie und fragen: welche Idee ich in meinem "Faust" zu verkörpern gesucht? – Als ob ich das selber wüsste und aussprechen könnte! – Vom Himmel durch die Welt zur Hölle, das wäre zur Not etwas; aber das ist keine Idee, sondern Gang der Handlung. Und ferner, dass der Teufel die Wette verliert, und dass ein aus schweren Verirrungen immer fort zum Besseren aufstrebender Mensch zu erlösen sei, das ist zwar ein wirksamer, manches erklärender guter Gedanke, aber es ist keine Idee, die dem Ganzen und jeder einzelnen Szenen im besonderen zugrunde liege. Es hätte auch in der Tat ein schönes Ding werden müssen, wenn ich ein so reiches, buntes und so höchst mannigfaltiges Leben, wie ich es im "Faust" zur Anschauung gebracht, auf die magere Schnur einer einzigen durchgehenden Idee hätte reihen wollen!

 

Wie die Stelle zeigt, ist der eklektische Ansatz, den Regisseur Nis Soegaard in Biel-Solothurn für das Schauspiel gewählt hat, vom Autor prizipiell sanktioniert.

 

In neunzig Minuten durchläuft die Szenenfolge das Drama gleich zweimal. Die Aufführung beginnt, angelehnt ans Original, mit einem pantomimischen "Vorspiel auf dem Theater", bringt dann, mit zwei Kasperlefiguren, ein paar Verse aus dem Dialog des "Herrn" mit Mephistopheles und steuert schliesslich auf die Gretchen-Handlung zu:

 

Faust: Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

 

Margarete: Bin weder Fräulein, weder schön,

Kann ungeleitet nach Hause gehn.

(Sie macht sich los und ab.)

 

Die Begegnung wird viermal wiederholt. Dann folgt die Kästchen-Szene (Margarete: "Wie kommt das schöne Kästchen hier herein? Es ist doch wunderbar! Was mag wohl drinne sein?"). Und an der Garten-Szene ("Margarete an Faustens Arm") inspiriert sich das Bühnenbild von Jonathan Gentilhomme für eine anmutige Szenerie mit halbhohem Buschwerk.

 

Im zweiten Durchgang der Aufführung wird weiteres aus dem "Vorspiel" und der Studierzimmer-Szene nachgetragen:

 

Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei und Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heissem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor!

Und bin so klug als wie zuvor.

 

Es folgt der zweite Auftritt des Teufels in düsterem Nacht-Ambiente ("In einem hochgewölbten engen gotischen Zimmer"):

 

Faust: Es klopft? Wer will mich wieder plagen?

Mephistopheles: Ich bin's.

Faust:                  Herein!

Mephistopheles:               Du musst es dreimal sagen.

Faust: Herein denn!

 

Die Aufführung endet mit der Kerker-Szene und Gretchens Worten am Hinrichtungsmorgen:

 

Margarete: Ich will dir die Gräber beschreiben,

Für die musst du sorgen

Gleich morgen;

Der Mutter den besten Platz geben,

Meinen Bruder sogleich daneben,

Mich ein wenig beiseit'‚

Nur nicht gar zu weit! Und das Kleine mir an die rechte Brust.

Niemand wird sonst bei mir liegen!

 

Dann die Schlussverse:

 

Mephistopheles: Sie ist gerichtet!

Stimme (von oben): Ist gerettet!

 

Die Rufe werden in Biel-Solothurn chorisch vorgetragen und mehrfach wiederholt. Dann schliesst sich der Vorhang.

 

Die Tragödie wird mit Masken und Figuren gespielt (Figurenbau Lili Laube). Die Schauspieler nehmen sie zur Hand und heben sie vors Gesicht. Diese verfremdende Darstellungsweise entspricht den frühesten Eindrücken des Dichters. Als Knabe lernte Goethe im Frankfurter Vaterhaus das "Puppenspiel vom Doktor Faust" kennen, und im "Wilhelm Meister" hat er seine ersten theatralischen Eindrücke beschrieben:

 

Dass die Puppen nicht selbst redeten, das hatte er sich das erste Mal schon gesagt; dass sie sich nicht von selbst bewegten, darüber liess er sich nicht vexieren [täuschen]; aber warum das alles doch so hübsch war und es doch so aussah, als wenn sie selbst redeten und sich bewegten, warum man so gerne zusah, und wo die Lichter und die Leute sein möchten, das war ihm ein Rätsel, das ihn um desto mehr beunruhigte, je mehr er wünschte, zugleich unter den Bezauberten und Zauberern zu sein, zugleich seine Hände verdeckt im Spiel zu haben und als Zuschauer eben die Freude zu geniessen, die er und die übrigen Kinder empfingen. "Ich sehe das Spiel diesen Augenblick noch vor mir." Mutter: "Es wundert mich nicht, dass du dich dieser Dinge so lebhaft erinnerst; denn du nahmst gleich den grössten Anteil daran." - "Es haben uns diese Scherze manche vergnügte Stunde gemacht."

 

Mit der Entscheidung fürs Masken- und Figurentheater umfasst die Aufführung von Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) also gleichermassen die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der Tragödie. Sie verbindet Mittelalter (Stoff), Klassik (Versbau) und Gegenwart (Form).

 

Wie üblich werden die Figuren gendergerecht aufgeteilt. Vier Darsteller, zwei männlich, zwei weiblich, spielen "den erbosten Faust, den vergnügten Faust, den frivolen Faust und den wehmütigen Faust". Und vier weitere Darsteller, zwei männlich, zwei weiblich, spielen "das fröhliche Gretchen, das zornige Gretchen, das obszöne Gretchen und das betrübte Gretchen". Nicht alle sind gleich gut, sprecherisch nicht und darstellerisch nicht; zwei kommen aber auch, der Gerechtigkeit halber sei's erwähnt, aus dem Schauspielstudio TOBS.

 

Die Zerschnipselung der Szenen, heruntergekürzt zur zitathaf­ten Allusion, und die verschlaufte Neukombination der Elemente zur Collage verhindert nicht einzelne schöne, stimmungsvolle Momente. Kontext und Bedeutung aber müssen die Zuschauer aus eigener Kenntnis beibringen. Sonst sind die Fragmente aus "Auerbachs Keller" und "Walpurgisnacht", um nur zwei Beispiele zu nennen, nicht verständlich. Verloren geht auch die Klarheit der Handlung: Wie eins aufs andere folgt. Und warum.

 

Der Verlauf des Dramas mit seinem unerbittlichen Fortschreiten (ein für Goethe wichtiges Wort!) erliegt bei Nis Soegaard einem Konzept des assoziativen Pointillismus. Demgemäss bringt die Inszenierung bloss noch Tupfer von Faust und Gretchen – aber keine Entwicklung. Folglich können die Verhältnisse, die der Tragödie zugrunde liegen, kaum mehr aufgenommen und verstanden werden; nicht die Beziehung Faust – Gretchen; und erst recht nicht die Beziehung Faust – Mephistopheles.

 

Bei allem Gelungenen im Detail bleibt die Inszenierung also hinter Goethes Ansprüchen zurück. Am Montag, den 28. Februar 1831 sagte er zu Eckermann:

 

Ein grosser Kenner begreift ein Gemälde, er weiss das verschiedene Einzelne dem ihm bekannten Allgemeinen zu verknüpfen, und das Ganze wie das Einzelne ist ihm lebendig. Er hat auch keine Vorliebe für gewisse einzelne Teile, er fragt nicht, ob ein Gesicht garstig oder schön, ob eine Stelle hell oder dunkel, sondern er fragt, ob alles an seinem Ort stehe und gesetzlich und recht sei. Führen wir aber einen Unkundigen vor ein Gemälde von einigem Umfang, so werden wir sehen, wie ihn das Ganze unberührt lässet oder verwirret, wie einzelne Teile ihn anziehen, andere ihn abstossen, und wie er am Ende bei ihm bekannten ganz kleinen Dingen stehen bleibt, indem er etwa lobt, wie doch dieser Helm und diese Feder so gut gemacht sei.

 

Anmutige Szenen; aber ... 

... ihre Bedeutung ... 

... ist nicht immer klar.

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