Ein Baustellenunfall. © Florian Spring.

 

 

Gigiwonder. Die Geschichte eines Beins. Vera Schindler.

Schauspiel.

Ruth Mensah, Sidonia Helfenstein, Hanspeter Liechti. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 20. Januar 2022.

 

> Eine kluge Geschichte. Eine kluge Inszenierung. Und kluge Schauspieler. Die Uraufführung der Bühnen Bern macht Spass. Es scheint, dass das kleine Format dem Erfolg der Schauspiel­sparte besonders zuträglich sei. Die Handlung spielt im kleinen Raum Vidmar 2 – der Spielstätte mit der Säule – vor einem kleinen, fast schon handverlesenen Publikum. Da geht es um lauter Fragmente. Also Relikte grösserer Zusammenhänge. (Angefangen mit dem Bein.) Im Lauf des leicht andeutenden, feinen Spiels entsteht ein grosser, weltum­spannender Bogen, der uns und unsere Zeit mitumgreift. Ein kühnes Vorhaben. Klug gelöst. Erfreulich. <

 

Ein Knie geht einsam um die Welt.

 

Von einem Stück zum nächsten erkundet die Schauspielsparte der Bühnen Bern in den Vidmarhallen die Frage, wie die Dinge zur Sprache kommen – und die Sprache zu den Dingen.

 

- Im "Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka soll ein Primat Auskunft geben über sein "äffisches" und damit aussersprachliches Vorleben.

 

- In "Kaspar" von Peter Handke wird ein neuer, unbe­arbeiteter Mensch durch das foltermässige Eindrillen korrekter Floskeln zur Sprache gebracht.

 

- Im "talentierten Mr. Ripley" von Patricia Highsmith kommt die spielerische – aber auch tödliche – Überschreitung der Grenze zwischen Wahrheit und Lüge zur Sprache.

 

- Und jetzt, in "Gigiwonder. Die Geschichte eines Beins" von Vera Schindler, wird die Transformation eines Baustellen­unfalls auf seinem Weg durch die unterschiedlichen mentalen, medialen, sozialen und geographischen Sphären abgebildet.

 

Es ist ein Knie, sonst nichts!

 

Am Anfang steht diesmal nicht, wie im Johannesevangelium, "das Wort", sondern, wie in der Übersetzung durch Dr. Heinrich Faust in Goethes Tragödie, "die Tat", beziehungsweise das Ereignis: Auf einer Baustelle in Ostafrika wird versehentlich das Bein eines Nachtwächters einbetoniert.

 

In Schnitt-Technik (Form = Inhalt) verfolgt nun Vera Schindlers Bühnentext, wie es mit dem abgeschnittenen Bein, das nicht mehr gehen kann, weitergeht (surrealistische Skurrilität).

 

Die Geschichte erweist sich in ihrer Verwobenheit von Gestal­tung und Aussage zunehmend als hintersinnig. Man könnte auch sagen: mehrdeutig.

 

Es ist kein Baum! Es ist kein Zelt!

 

Im Unterschied zu Christian Morgensterns dreistrophigem Gedicht "Das Knie" erfährt das einbetonierte Bein eine Reihe von Transformationen: Es wird zur medizinischen Aufgabe. Zum Haftpflichtfall. Zur Meldung. Zum Ästhetikum. Zum Objekt des Kunsthandels. Zur Menschenrechts­frage. Zur Archivalie. Und schliesslich, um das Ganze vollzumachen, auch noch zum Theaterstück.

 

Seitdem gehts einsam durch die Welt.

 

In den 1930er Jahren lernten die Schüler am Bieler Progym­na­sium beim Französisch­lehrer André Tissot, auf das zu achten, worüber ein Text nicht spricht und was der Autor verschweigt.

 

Die Lektion trug Früchte: Ein halbes Jahrhundert später begann Roland Donzé, ein fünfbändiges Romanwerk zu schreiben, das aus lauter Auslassungen besteht.

 

Die Folge: Der Leser muss die Geschichte mitschaffen. Sonst kann er sie nicht verstehen.

 

Erschossen um und um.

 

Mit Auslassungen arbeitet nun auch Vera Schindler. Ihre Aus­las­sungen machen deutlich, dass die Informationen, die uns durch die Medien, durch die Sprache und durch das Spiel der Darsteller übermittelt werden, nur "Schnitte", also Teil­aspekte der Wirklichkeit bringen.

 

Das Wesentliche bleibt unausgesprochen: Was der Nachtwächter beim Unfall denkt und empfindet; was die Tochter des Opfers mit ihrer Aktion in New York zum Ausdruck bringen will; was der getötete Journalist bei seiner Recherche herausfand; und was die Tochter des Journalisten der Tochter des Nachtwächters in ihrem Brief mitteilt. All das bleibt unhörbar.

 

Das Stück bringt folglich bloss Fragmente von Informationen, nicht mehr. Aber im Umgang mit den Relikten grösserer Zusammenhänge unterhalten wir uns.

 

Auf diese Weise verwandelt sich das, was das Theater in "Gigiwonder" aufführt, zu Infotainment.

 

Das Knie allein blieb unverletzt –

Als wärs ein Heiligtum.

 

Indem das die Inszenierung zur Darstellung bringt, taucht sie die Geschichte von Anfang bis Ende in ein (selbst-)kritisches Licht.

 

"Guut!", pflegte der grosse Leser Walther Killy angesichts solcher Phänomene zu schnurren.

 

Die Schauspieler Jeanne Devos (darstellerisch intensiv, sprecherisch untadelig) und Viet Anh Alexander Tran (engagiert, aber mit der Tendenz, die Wortgrenzen zu verwischen), die Regisseurin Ruth Mensah und die Bühnenbildnerin Sidonia Helfenstein befinden sich ganz auf der Höhe der Aufgabe, durch feines, leicht andeutendes Spiel einen grossen, weltumspannenden Bogen zu ziehen, der uns und unsere Zeit mitumgreift.

 

Und wie einen Takt vor dem Zusammenbruch bei Strawinskys "Sacre du printemps" noch ein aufstrebendes Glissando aus der Flöte perlt, lässt Beleuchtungsmeister Hanspeter Liechti (nomen est omen) zwei, drei Sekunden vor dem Blackout noch einen roten, irrlichternden Scheinwerferkegel aufleuchten, um der Ballade vom verlorenen Bein eine letzte Reverenz zu erweisen. Unleugbar ein kluger Schluss.

 

Vom Ereignis ... 

... zum Ästhetikum.

 
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