Frau/Mann - Frau. © Ysoshiko Kusano.

 

 

Ein Sommernachtstraum. William Shakespeare, erweitert von Kim de l'Horizon.

Schauspiel.

Sabine Auf der Heyde. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 14. Januar 2022.

 

> Vor kurzem stellte ein Mitglied des deutschen Bühnenverbands am Kaffeehaustisch lakonisch fest, das Problem des Berner Schauspiels liege darin, dass es nicht in einer Theaterstadt beheimatet sei. Was das heisse? Nun, es könne machen was es wolle, es werde nicht beachtet und spiele in der Öffentlich­keit keine Rolle. – Dass Bern keine Theaterstadt ist, bestä­tigte sich nun an der Premiere von Shakespeares "Sommernachts­traum". Der Schlussapplaus fiel so frenetisch aus, dass man in Wien von einem Ereignis gesprochen hätte. Dabei war der Jubel nur einem Mangel an Anspruch und Kenntnis zu verdanken. – Die halbe Vorstellung fiel unverständlich aus. Trotzdem fanden die Besucher beim Aufstehen: "Es war unterhaltend!" Naives, undifferenziertes Wohlwollen indes ist für eine Truppe fatal. Sie braucht nicht mehr zu wachsen: "Du kannst bringen, was du willst, die Leut' fressen's eh." <

 


I.

 

Unmass und Läuse sind schuld, dass der Berner "Sommernachts­traum" vor dem kritischen Auge nicht standhält.

 

Unmass bedeutet "zu viel" oder "zu wenig".

 

In Bern wird in beiden Richtungen gesündigt.

 

Was den Einsatz der Schauspielerkörper im Raum angeht, die Häufigkeit und Länge der Sprechpausen, die Weite und Grösse der Gebärden und Gänge: passiert zu viel.

 

Das Übermass jedoch bremst nicht nur die Handlung; es macht sie – und da liegt die Krux: gleichförmig. Mithin: spannungslos.

 

Inszenieren aber verlangt Sinn für Rhythmus und Proportion. Nur so wird die Aufführung zu einem Spiel mit der Zeit. Beschleu­nigen, verlangsamen. Auflockern, verdichten. Im wesentlichen also: Komponieren – wie Musik. Wer das kann, führt Regie. Wer's nicht kann, bleibt beim Arrangieren stecken. Mithin: an der Oberfläche.

 

 

II.

 

Auf der anderen Seite geschieht zu wenig.

 

Es sind da vier Paare (in Bern fünf): 1. Auf der Nachtseite Elfenkönigin und Elfenkönig. 2. Auf der Tagseite Amazonen­königin und Athenerfürst. 3. Junge und Mädchen. 4. Junge und Mädchen. 5. Ein Handwerker als Laienregisseur, ein Handwerker als Laiendarsteller. Fünf Paare. Man könnte auch sagen: ein Knäuel.

 

Spannend würde es, wenn man die Fäden gut erkennen könnte, die die einzelnen Figuren durch die Handlung führen. Dann würde das Schauspiel reich.

 

Betont jedoch die Inszenierung durch Kostüm, Raumbespielung, gegengeschlechtliche Mehrfachbesetzungen (Theseus/Puck weiblich, Hippolyta/Titania weiblich, Egeus/Oberon weiblich, Helena männlich) das Einerlei, erkennt man nur noch: Beim Sex sind schwierige Sachen schwierig.

 

Eine Banalität.

 

 

III.

 

Die Läuse.

 

Vor grauen Zeiten erklärte der Schauspieldramaturg des Berner Stadttheaters Dr. Urs Bircher: "Ideen sind wie Läuse im Pelz. Die hat jeder."

 

Regisseurin Sabine Auf der Heyde hatte 73 Ideen.

 

Der Reigen beginnt damit, dass die Aufführung beim Einlass schon läuft. Zwei Schauspieler (die späteren Handwerker) legen unter Geschrei und Gefuchtel zwei weisse Tücher auf dem Boden aus. Idee Nummer 1.

 

Bei diesem Spiel droht dem einen immer wieder die Hose hinun­ter­zu­rutschen. Idee Nummer 2.

 

Der Athenerfürst wird auf einem Gestell von seinen Untertanen hereingefahren. Dann stellen sich alle fürs Bild auf und singen die Schweizer Nationalhymne. Idee Nummer 3.

 

So hüpfen den ganzen Abend hindurch ständig neue Ideen in die Luft.

 

Keine wird entwickelt. Keine wird mit der anderen verbunden.

 

Insgesamt: Ein Läusezirkus.

 

 

IV.

 

Sprecherisch ragt Kilian Land über die andern hinaus. Zum Teil meilenweit.

 

Bei zwei Darstellerinnen trägt eine schwarze Maske dazu bei, das Vernuschelte zusätzlich zu dämpfen.

 

Folgerichtig spricht Kilian Land die in Versalien gesetzten Sätze von Kim de l'Horizon, Hausautor der Bühnen Bern:

 

DU DUMMES HÄSSLICHES HELENAFLEISCH WIESO BIST DU SO DUMM UND SO HÄSSLICH UND SO HELENA. ICH MÖCHTE DICH JA GANZ VON MEINER SEELE WEGKOTZEN. WARUM KANNST DU NICHT EINE FABRIK FÜR HOTNESS HEISSHEIT GEILHEIT SEIN.

 

SCHAU SOGAR DIE ERDE HAT DEN MOND DER SICH UM SIE DREHT. UND ICH BIN SO AN DEN DEMETRIUS GEBUNDEN WIE DER MOND AN DIE ERDE ABER DER VERARSCHT MICH BLOSS UND ZWAR WEGEN DIR DU ARSCHKÖRPER.

 

 

V.

 

An dieser Stelle hätte der englische Theaterkritiker William Archer wie 1896 bei einer Besprechung von "Richard III." schreiben können:

 

Kilian Land [im Original: Sir Henry Irving] entzückte mein silbenmässig pingeliges Ohr durch die Sorgfalt, mit der er klar die Worte von Shakespeares [und Kims de l'Horizon] Zeilen sprach.

 

Auf den Rest des Ensembles hätte William Archer in Bern sein Lob nicht ausdehnen können.

 

"Da ist noch", wie die Floskel sagt, "Luft nach oben".

 

 

VI.

 

Übers Ganze gesehen handelt der Berner "Sommernachtstraum" von Diversität, toxischer Männlichkeit, Gendergerech­tig­keit und LGTBQI+.

 

Mithin: Bekräftigung der herrschenden Ideologie.

 

Messe für die Bekehrten.

 

Brav.

 

Mann/Frau - Mann.

Frau/Mann - Mann. 

Alle miteinander. 

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