Die Bühne verwandelt sich unablässig. © Suzanne Schwiertz.

 

 

Eiger. Fabian Müller.

Oper.

Kaspar Zehnder, Barbara-David Brüesch, Alain Rappaport. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 18. Dezember 2021.

 

> Eine Kurzoper. Knappe neunzig Minuten. Und doch eine Ewigkeit. Denn der Berg hat andere Masse. Wenn man an der Wand hängt, im schwarzen Eis, wird die Zeit lang. Eine Marter, bis der Sturm vergeht; oder die Rettung kommt; oder das Sterben einsetzt. – Diese irreal langgedehnten, im wahrsten Sinn überirdischen Verhältnisse an der Eigernordwand bringt nun Fabian Müllers starke Partitur zum Sprechen, und das Sinfonie Orchester Biel Solothurn unter seinem Chefdirigenten Kaspar Zehnder realisiert die Klänge zwischen Himmel und Erde mit so viel Genauigkeit und Schönheit, dass dem Publikum der Atem immer wieder aussetzt, zumal ihm schon Tim Krohns Handlung die Kehle zuschnürt – jedenfalls, wenn Regisseurin Barbara-David Brüesch im Bühnenbild von Alain Rappaport das Gesamtkunstwerk Oper mit überlegenem Gespür für grosse Zeitmasse und intensive Situationsgestaltung dergestalt entfaltet, dass das tragische Sterben nach seiner Bieler Uraufführung unzweifelhaft ein langes Leben gewinnen wird. <

 

Die Handlung ist schon am Laufen, wenn das Publikum den Saal betritt. Auf der Bühne steht ein Bergrestaurant. Es handle sich um die kleine Scheidegg, erklärt das instruktive Programmheft. Ein Lautsprecher übermittelt die Durchsage: "Abfahrt des letzten Zuges in zehn Minuten!" Die Touristen zahlen. Die Serviertochter räumt die Kaffeegläser und Fonduecaquelons ab. In der Gaststube wird es still. Das Licht verdämmert.

 

Der Wirt beginnt, in einem alten Fotoalbum zu blättern. Dieser Moment führt in die Vergangenheit. Die charaktervolle Gestalt von Walter Küng (Schauspieldozent an der Zürcher Hochschule der Künste) wird gleich wiederkehren als Albert von Allmen, Strecken­wärter bei der Jungfraubahn. Er hat, erklärt Kaspar Zehnder, der selber aus dem voralpinen Riggisberg stammt, "die jahrtausende und jahrmillionenalte Geschichte des Berges in sich aufgesogen".

 

Nun setzt das Orchester ein. Es beschwört die Macht herauf, mit der sich die Dämmerung verbreitet. Das Gebirge steht den kosmischen Gesetzen, welche Tag und Nacht regieren, Sommer und Winter heraufführen, Sternzeichen und Planeten kreisen lassen, nackt gegenüber.

 

An dieser Stelle hat Fabian Müllers Partitur bereits filmische Evokationskraft. Und in der Folge zeigt sich: Die Komposition ist gleichzeitig drama­tisch, illustrativ, impressionistisch und romantisch. Also komplex. Reich. Anrührend. Packend. Ihr Sog erfasst die Menschen im Publikum wie die Figuren am Eiger.

 

Wie die Naturvorgänge entwickelt sich die Partitur nach eigenen Gesetzen. Sie sprechen sich aus mit der Deutlichkeit eines Traums, der mit seiner rätselvollen Evidenz bis in den Tag hinein wirkt – und das heisst: den Verstand fesselt, fasziniert, beschäftigt. Dazu aber beschenkt Fabian Müllers Partitur durch organisch entwickelte Bögen, meisterhafte Klangfarbenmischungen und effektvolle Umschläge auch die musikalische Sensibilität, welche die Kompositionslinien verfolgt. So hallt die emotionale Ansprache der Kurzoper bis in die Tiefe hinein nach.

 

Plötzlich ertönt der Ruf: "Steine!" Von der Holzwand löst sich ein Paneel und fällt polternd in die Wirtsstube. Das Loch gibt ein schwarzgraues Stück Eiger frei. "Alles heil?" "Alles heil!"

 

Mit diesen Dialogfetzen entfaltet Tim Krohn die Handlung. Das Wort "heil" lässt uns zusammen­zucken. Es führt in einen unheilvollen Zeitabschnitt. Und in der Tat: Die Oper "Eiger" spielt 1936. Zwei Seilschaften waren damals unterwegs, um die mythische, noch nie bezwungene Wand zu besiegen. Oben kletterten zwei Gebirgsjäger aus dem deutschen Reich, unter ihnen zwei österreichische SA-Männer, die mit Attentaten geholfen hatten, den "Anschluss" vorzubereiten. Keiner der vier Männer war noch dreissig Jahre alt. Keiner kam von der Wand zurück. Ihrer Niederlage wohnen wir bei. Und mit dem fortschreitenden Verhängnis rückt uns das Geschehen nahe.

 

Regisseurin Barbara-David Brüesch – eine Meisterin in Raumchoreografie, Spielintelligenz, Dosierung und Tempo – bringt die Körper der vier Bergsteiger allmählich bis auf die Vorderbühne. Durch die Herstellung räumlicher Nähe macht sie die Figuren greifbar. Und am Ende weckt der Eishauch des Todes Trauer, Betroffenheit, Mitleid.

 

Die Bühne verwandelt sich derweil unablässig. Die Requisiten, die Spielorte und die Stellung der Körper nehmen in der Entropie ein Eigenleben an, und paradoxerweise steigert die Künstlichkeit der Vorgänge die Echtheit der Aussage. Dem Theaterhandwerk gelingt es mithin, die kalte Natur der Schöpfung einzufangen und zu spiegeln.

 

So bringt die Aufführung das Gesamtkunstwerk Oper durch ein klug austariertes Zusammenspiel aller Faktoren auf neuartige Weise vors Auge. Das macht "Eiger" zu einem eigenständigen Beitrag zur Entwicklung des Musiktheaters.

 

Und diese Zündung erfolgt in Biel-Solothurn. Also in der vielbelächelten Provinz. Der Geist weht, wo er will, auch wenn das die Pharisäer nicht glauben wollen: "Was kann von Nazareth Gutes kommen?" Immerhin kommt ab nächster Spielzeit die neue Intendan­tin der Oper Essen Dr. Merle Fahrholz vom Jurasüdfuss. In der Direktionszeit von Beat Wyrsch war sie hier Musikdrama­turgin. Unter Wyrschs Vorgänger Hans Ammann versah Nora Schmidt die Musikdramaturgie. Nun übernimmt sie 2024 von Peter Theiler die Leitung der Dresdener Oper. (Theiler seinerseits war in Biel-Solothurn Hans Ammanns Vorgänger.)

 

Wer offene Augen hat, der erkennt: "Nicht bloss in Berlin, im Preussentum überhaupt steckt der Glaube, dass es mit uns ganz was Besondres sei; aber vorläufig ist noch das Gegenteil richtig, in allem stehen wir in 2. und mitunter auch erst in 3. und 4. Linie." Das schrieb Theodor Fontane an seinen Freund Georg Friedländer 1891. Und drei Jahre später, immer noch aus Berlin:

 

Wie unsre Junker unausrottbar dieselben bleiben, kleine, ganz kleine Leute, die sich für historische Figuren halten, so bleibt der Berliner ein egoistischer, enger Klein­städter. Die Stadt wächst und wächst, die Millionäre verzehnfachen sich, aber eine gewisse Schusterhaftigkeit bleibt, die sich vor allem in dem Glauben ausspricht: "Mutters Kloss sei der beste." Dabei gibt es hier überhaupt nichts Bestes; es gibt in Berlin nur Nachahmung, guten Durchschnitt, respektable Mittelmässigkeit, und das empfinden alle klugen Berliner, so wie sie aus Berlin heraus sind. Das menschliche Leben draussen (nicht das politische, bei dem's aber auch zutrifft) ist freier, natürlicher, unbefangener, und deshalb wirkt die nicht-berlinerische Welt reizvoller. Die Menschen draussen sind nicht klüger, nicht besser, auch wohl nicht einmal begabter und talentvoller, sie sind bloss menschlicher, und weil sie menschlicher sind, wird alles besser, ist auch besser. Bildung ist etwas Herrliches; aber was bei uns als Bildung gilt, ist etwas ungemein Niedriges und sogar Dämliches.

 

Also. Man schreibe in die Festtagsagenda: "Eiger" von Fabian Müller und Tim Krohn in Biel und Solothurn. Weitere Spielorte: Burgdorf, Olten, Schaffhausen. Anders gesagt: Wer Gutes sehen will, fahre in die Provinz!

 

Im Zusammenspiel aller Elemente ... 

... realisiert sich das Gesamkunstwerk Oper ... 

... mit der rätselvollen Evidenz des Traums.

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