Freud vor der Ausreise. © Fabienne Rappeneau.

 
 

 

Le Visiteur. Éric-Emmanuel Schmitt.

Schauspiel.

Théâtre Rive Gauche, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. November 2021.

 

> Ein Missverständnis. Da läuft im Théâtre Rive Gauche "Le Visiteur" (Der Besucher) von Eric-Emmanuel Schmitt. Der erfolgreiche Autor und promovierte Philosoph gehört seit ein paar Jahren zu den Leitern des Hauses. "Für das Interesse an unserer Tätigkeit" bedankt sich der Kommunikationsbeauftragte und übermittelt ein Pressedossier. Es bleibt ungelesen. Denn die "Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt" arbeitet nach Prinzip der Blinddegustation. Die Sachen müssen für sich selber sprechen. Und das tun sie beim "Visiteur" auch. Eric-Emmanuel Schmitt präsentiert ein unerhört scharf gedachtes, spannendes Dialogstück. Dem Austausch der Argumente folgt das Pariser Publikum mit gespannter Stille. An den richtigen Stellen lacht es. Dann bedankt es sich mit langem, kräftigem Applaus. "Man sollte das bei uns bringen! ", denkt der Kritiker beim Hinausgehen. "Ich würde nicht zögern, es zum Stück des Jahres zu ernennen. In Wien müsste es einschlagen wie eine Bombe." Doch dann zeigt sich: Das Stück wurde schon ausgezeichnet! Nach der Uraufführung am 23. September 1993 (Sigmund Freuds 55. Todestag) erhielt es 1994 an der "Nuit des Molières" (dem französischen Theater-Oscar) drei Preise: bester Autor, beste Aufführung, beste Theaterentdeckung (révélation théâtrale). Die "Stimme" ist also mit ihrem Urteil alles andere als aktuell. Was für eine nasse Zündschnur! Immerhin ergibt der späte Kontrollversuch: Die damaligen Kollegen haben sich nicht getäuscht. Eric-Emmanuel Schmitt hat einen Klassiker geschrieben. Er zieht noch heute. <

 

Im Kleinen und im Grossen beschreibt "Le Visiteur" (Der Besucher) eine Kippfigur. Je nachdem, unter welchem Winkel man das Stück betrachtet, zeigt es sich als philosophische Debatte, die man mit akademischer Gelassenheit abnicken kann, oder als Zumutung.

 

Eric-Emmanuel Schmitt handelt auf der Bühne die Frage ab, ob es Gott gebe. Die Unbeweisbarkeit des Allerhöchsten beweist ja nichts. Denn liesse er sich beweisen, gäbe es ein letztes Kriterium, das höher steht als Gott, weil es über seine Existenz entscheidet.

 

Anders gesagt: Wenn unsere Vernunft bei der Gottesfrage Argumenten folgen könnte, wäre Gott der Vernunft unterworfen. Und dann wären die Gesetze der Vernunft letztgültig; nicht Gott. Eine Zumutung – für Gott; nicht aber für den Menschen, der in Anspruch nimmt, dass Gott sich seiner Vernunft gegenüber rechtfertigen müsse.

 

Nun gut. Angenommen, dass es Gott gebe: Wie kann er das Böse zulassen? Seiner Allmacht wäre es doch jederzeit möglich, es abzustellen (das hoffen die Gläubigen in ihren Gebeten), oder, noch besser, gar nicht aufkommen zu lassen (das verlangen die Philosophen in ihren Gebäuden). Und wenn das Böse trotzdem eintritt: Wie kann sich Gott dafür entschuldigen?

 

Die Rechtfertigungsfrage, für die der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz um 1680 das Kunstwort "Theodizee" in die Welt gebracht hat, bekam nach der Judenvergasung durch die Nazis noch ein ganz anderes Gewicht als nach dem Erdbeben von Lissabon. "Nach Auschwitz", hiess es jetzt, könne man keine Gedichte mehr schreiben, und schon gar nicht mehr an Gott glauben.

 

Diese Frage rollt nun aber Eric-Emmanuel Schmitt, der sich vom Agnostiker zum Christen wandelte, in seinem "Besucher" auf, und zwar indem er sie, wenn die Wendung nicht gar zu unstatthaft ist, in die Höhle des Löwen trägt, nämlich in Sigmund Freuds Ordinationsraum an der Berggasse 19 (laut Statistik die bekannteste Adresse der Welt).

 

Da wird die Theodizee ausgerechnet an jenem Abend verhandelt, an dem Freuds Tochter Anna ins Wiener Hotel Metropol zur Vernehmung durch die Gestapo abgeschleppt worden ist. Das Problem: "Wenn es einen Gott gibt, wie kann er das Böse zulassen?", erscheint nun zugespitzt zur Formulierung: "Wenn Sie Gott sind, wie können Sie den Aufmarsch der Nazis, die Verhaftung meiner Tochter und die Judenverfolgung zulassen?"

 

Der Besucher, der unversehens vor Freud dasteht ("Wie sind Sie hereingekommen? Wer sind Sie?"), behauptet nämlich, er sei Gott, und sagt das dem bekennenden Atheisten und Religionskritiker Freud ("Die Zukunft einer Illusion", "Totem und Tabu") mitten ins Gesicht. Damit hat Eric-Emmanuel Schmitt in seinem Dialogstück die Kippe der Kippfigur erstiegen.

 

Im Theater ist es ja möglich, einen Schauspieler als Gott auftreten zu lassen. Als Zuschauer kann man ihn anhören und dann entscheiden, was man vom Vorgebrachten halten will. Man kann die Ausführungen annehmen oder verwerfen, je nach Neigung, denn es handelt sich beim Wechsel der Worte, aufgeführt im Scheinwerferlicht vor bemalten Kulissen, bloss um ein Gedankenspiel: Wer hat die besseren Argumente? Freud oder Gott?

 

Anders aber gestaltet sich die Sache, wenn man sich in Sigmund Freud hineinversetzt. Da ist die Tatsache, dass einer am Abend des 22. April 1938 auf unerklärliche Weise ins Zimmer getreten ist und behauptet, er sei Gott, eine verstörende Zumutung, vor allem, wenn er über Dinge Bescheid weiss, die niemand auf Erden kennen kann (zum Beispiel eine Kindheitserinnerung Freuds, die er immer in sich selbst vergraben trug).

 

Zum äussersten getrieben, verlangt Freud nun von "Gott" einen Beweis für seine Existenz. Aber wie? "Durch ein Wunder!" Der Besucher lacht auf: "Gut, aber das beweist nichts." Und tatsächlich, das Wunder, das jetzt geschieht, ist, wie jedes Wunder, blosser Hokuspokus: "Der Glaube, Professor Freud, ist eine persönliche Entscheidung. Die kann Ihnen niemand abnehmen." Und sie fällt schwer.

 

Wenn einer plötzlich einer vor einem steht und sagt: "Ich bin der, der ich bin", glaubt man, wie Freud, lieber an einen entsprungenen Irrenhäusler als an Gott. Denn die Gottesfrage, wie immer man sich zu ihr stellt, ist eine Zumutung. Und im Theater, formuliert von Eric-Emmanuel Schmitt, eine szenische Wucht.

 

Die Kippfigur, die "Der Besucher" darstellt, kann aber nur dann ihre Schärfe gewinnen, wenn die vier Darsteller, die das Stück braucht, so zu agieren verstehen, dass man ihnen ihre Rolle glaubt. Man sollte über die Verkörperung von Freud und Anna in gleichem Mass erschrecken wie Freud über die Fleischwerdung Gottes und Anna über das Auftreten des Gestapomanns. Dafür genügte es, jede Spur von Routine und Begrenztheit zu vermeiden.

 

Mittelmässig gespielt wie von der heutigen Besetzung, fast dreissig Jahre nach der Uraufführung, ist jedoch "Le Visiteur" im Théâtre Rive Gauche bloss noch ein scharf gedachtes, spannendes Dialogstück. Im Alltagsduktus der Theaterroutine erscheint die Gottesfrage gezähmt zur philosophischen Debatte, die man mit akademischer Gelassenheit abnicken kann, und nicht als Zumutung. Je nach Standpunkt wird man das bedauern oder begrüssen. In dieser Hinsicht bleibt "der Besucher" eine Kippfigur.

 

Die leibliche Tochter. 

Der verwirrende Besucher.  

Der primitive SS-Mann. 

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