Das Handy ist immer dabei. © Anne Sendik.

 

 

J'ai un nouveau projet. Guillermo Pisani.

Komödie.

Guillermo Pisani. Théâtre de la Tempête, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. November 2021.

 

 

> Um den Zustand der Zeit zu erfassen, genügt es, einen Becher Spülwasser aus der Kanalisation zu heben. Durch Sortieren und Quantifizieren kann der Chemiker einiges über Alter und Wohlstand der Bevölkerung herauslesen: Wie viel Alkohol von welcher Sorte? Kokain? Heroin? Partydrogen? Verhütungsmittel? Krebsmedikamente? Rheumamittel? Speisereste? Viren? Bakterien? Jedes Element kann etwas sagen über den Zivilisationsgrad, die Bräuche und Eigenarten der Einwohnerschaft. – Solch einem Chemiker gleicht im Théâtre de la Tempête der Stückeschreiber Guillermo Pisani. Als Gefäss dient ihm eine Pariser Bar, und die Probe, die er ihr entnimmt, reicht von einem Bürochef im Finanzministerium bis zu einem Arbeitslosen aus psychiatri­schen Gründen. Daneben gibt es eine Unternehmerin, einen PR-Mann, einen Barbesitzer, eine Pflegerin in Naturmedizin; insgesamt 28 Figuren. Sie heissen Kacim, Iggy, Jean-Marc, Valérie, Kurt, Romane etc. und werden von fünf Schauspielern dargestellt, die den Wechsel sichtlich geniessen und auch recht gut meistern. Schliesslich ist der Stückeschreiber selbst ihr Regisseur. Alle quirlen mit Lust zwei Stunden und vierzig Minuten lang pausenlos im Abwasser der Zivilisation herum, finden aber nichts anderes als das, was wir schon wissen. Ob sich dafür der Aufwand lohnt? <

 

Weil sich Guillermo Pisani beim Stückeschreiben wie ein Chemiker verhält, kann er Leben nur analysieren, nicht aber schaffen. Er kann, um auf der Beispielsebene zu bleiben, eine Amsel einfangen, töten und auseinandernehmen; er kann ihre Bestandteile separieren und bis aufs Mikrogramm hinunter auflisten. Aber den Gesang kann er weder erfassen noch wiedergeben.

 

Ähnlich verhält es sich bei der Komödie "J'ai un nouveau projet". Die Figuren, ihre Ticks und Merkmale sind auf der Elementarebene rasch erfasst. Wiedererkennbarkeit gehört zu Karikatur und Kabarett. Nun aber ist Pisanis Stück weder das eine noch das andere. Für eine Karikatur, das heisst ein Bild, ist es zu langgezogen. Fürs Kabarett wiederum gebricht es ihm an Rasanz der Handlung und an spitzen Dialogen.

 

Anders käme es heraus, wenn der Abend eine bestimmte Person ins Zentrum setzte: eine Nora, ein Fräulein Julie, und wenn er deren Wünsche, Charakter und biografische Situation ergründen würde, statt 28 Figuren vorbeizappen zu lassen, die alle reduziert sind auf ein Wiedererkennungsmerkmal und eine Verhaltensstereotypie.

 

Wie unerheblich das ist, zeigt sich an der kurzen Halbwertszeit der Produktion. Intendiert war, an einer Pariser Bar die Überdrehtheit und Leere unserer elektronisch gespeede­ten Epoche abzubilden. Und als "unsere Epoche" galt das Abfassungsjahr des Stücks 2018. Doch als die Inszenierung diesen Herbst auf den Spielplan kam, hatte sich die Lage schon grundlegend verändert. Jetzt zeigt das Theater Menschen, die uns nicht mehr gleichen. Sie tragen keine Masken. Corona ist kein Thema. Die Migrations- und Identitätsfrage auch nicht. Und wieder bestätigt sich: Nichts ist so uninteressant wie eine Zeitung von gestern. Ausser in der Spalte "Unglücksfälle und Verbrechen". Aber just die bringt "J'ai un nouveau projet" nicht. Hintendrein muss man sagen: Eigentlich schade. Denn Unglücksfälle und Verbrechen machen das Theater aus (siehe Shakespeare). Sonst bleibt es fad.

 

Im elektronisch ... 

... agierenden ... 

... Algorithmus. 

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