Alcina. Georg Friedrich Haendel.

Oper.

William Christie, Jean-Marie Villégier und Philippe Berling, Carlo Tommasi. Grand Théâtre de Genève.

Radio DRS-2, Reflexe, 11. Mai 1990.

 

 

(Musik)

 

Bim Schrybe vo dere Ouvertüre het der Haendel scho gwüsst, dass sie für d Katz isch. Ds Publikum nämlich, wo zu Haendels Zyte i d Opere gangen isch, het sich gar nid für d Opere interessiert. Nid für d Musik und nid für d Handlig. Es isch de Londoner ou wurscht gsys, ob d Opere uf änglisch gsunge wird oder uf italienisch. Will ds einzige, wo sie het wunder gno, ds einzige, wo ds Gschnurr im Zueschauerruum het chönne abstelle, isch die technischi Virtuosität vo de Sänger gsy. D Kunststückli vom Gurgeli hei d Lüt fasziniert. U bi däm Gwunder het der Haendel ds Publikum ou packt. Är het d Melodie ir "Alcina" so komponiert, dass jede Sänger sy spezifischi Begabig het chönne zur Gältig bringe. Aber unter die vokale Akrobatiknummere het är derzue e Musik gleit, wo numen är het chönne schrybe, u mit dere Musik het är d Lüt süchtig gmacht u verfüehrt zum Genre vo der Opere, wo sie doch eigentlich gar nid möge hei.

 

(Musik)

 

Die sublime Kläng het me jetz z Genf wieder chönne ghöre, und was der Zaubermeister Haendel synerzit het zämebraut, das het gäng no sy Würkig ta, bim ene Publikum, wo sich ar Premiere us Diplomate, Rechtsanwält u Banquiers het zämegsetzt und wo der Opere im Grund gno nid meh derna frage als d Lüt z London zur Zyt vom Haendel. Aber 1990 isch jetz das verzognige Wohlstandspublikum vo der Rhonestast gschlagnigi vier Stund daghocket, vom Aben am achti bis am füf vor zwölfi, füfzähhundert Lüt im Ganze, u niemer het ghuestet, niemer het gschnarchlet u niemer het mit Täfelipapier gchräschlet. Sondern alli sy still gsy u gfange vom ene usserordentliche Operenabe.

 

(Musik)

 

Wie cha me jetz aber dä Erfolg erkläre, dass ds blasierte u versnobte Genfer Premierenpublikum, wo normalerwys kalt blybt wie ne Austere, plötzlich d Händ zum Schoss usnimmt, klatschet u Bravo rüeft? A der Musik allei vom Haendel liegt’s nid. Es isch no öppis anders derzue cho, dermit d Ohre ufgange sy und d Lüt hei agfange luure uf die fynste Nüance, wie wenn sie alli Kenner wäre. Das aber, wo z Genf derzue cho isch, das isch en usserordentlichi Konzentration vo allne künstlerische Kräft gsy. Scho ds Bühnebild vom Carlo Tommasi het en auratischi Kraft gha u ds Publikum i d Opere ynezoge, scho ab der erste Sekunde. Wo nämlich der Vorhang ufgangen isch, hei d Lüt vor Entzücken und Überraschig afa klatsche. U scho het sich der Blick la asuge vo de Glanzliechter uf de gwölbte Fensterböge, vo de gheimnisvolle Türöffnige u vo de dunkle, truurige Backsteinmure. De sy d Sänger derzue cho, i merkwürdige Kostüm, venezianisch, karnevalistisch, orientalisch, mit faszinierende u truurige Maske, und wo sie hei afa singe, het me vom erste Ton a ghört, dass me’s da mit Leistige z tüe het, wo me nümm cha überbiete. Technisch makellos, ou i de fynste Verzierige, im verhaltnigste Pianissimo. Derzu e Dirigent, der William Christie, wo mit subtilste Tempoverschiebige und mit eme ne usserordentliche Gspüri für d Schönheit von ere Phrase d Partitur het zum Schnufe bracht, wie wenn sie e beseelten Organismus wäri. Ds Ganze aber isch ybettet in en Inszenierig, wo genau weiss, wie sie ihri Effekte muess dosiere, für d Lüt z verzaubere. D Regisseure Jean-Marie Villégier und Philippe Berling hei mit eme Minimum a Ufwand gschaffet und es Maximum a Intensität verlangt, sozsäge Regiekunst uf homöopatischer Basis. Me het als Zueschauer d Gschicht vor Alcina gar nid bruuche z kenne, u me het nid müesse Italienisch verstah, für ganz genau z erkenne, wie d Figure zuenenand stöh und was i ihne vorgeit.

 

Und so isch es eim nadisnah ufgange, dass das Produktionsteam zu Rächt i de letzte Jahr e legendäre Ruef het übercho mit syne Pariser Produktione vo "Atys" oder grad ersch vom "Malade imaginaire", wo mir i "Reflexe" scho drüber brichtet hei. Und jetz het sich also e dritte settige Erfolg ygstellt. Mini Kritikerkollege vor Genfer Press, wo im Korridor gärn tüe schnöde u ds Muul verzieh, sy dasmal umeglofe wie in Trance, und jede het mer gseit: "C’est merveilleux, c’est formidable."

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt [-cartcount]