Schwermut. Selbstaufgabe. © Iko Reese.

 

 

Von schlechten Eltern. Fassung von Tilmann Köhler und Felicitas Zürcher nach dem Roman von Tom Kummer.

Schauspiel.

Tilmann Köhler, Karoly Risz, Jacob Suske, Hanspeter Liechti. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 7. November 2021.

 

> Die Aufführung ist sorgfältig gemacht und zeigt, ja, beeindruckenden Respekt gegenüber dem Text. Die Verführungs­kraft der Stimmen, die Suggestion des Sprech­rhythmus, der Einsatz der Schauspieler­körper, die Mischung von Raum, Licht, Klang und Nebel führen den Roman, der eigentlich nicht fürs Theater geschrieben wurde, in die sensibel horchende Stillage des Hörspiels und noch ein bisschen darüber hinaus. Schön und gut. Aber was soll's? Bei aller Evokation schwermütiger Todesanwandlungen und dichtem Bernbezug bewegt sich die Geschichte in flachen Wellen wie das Auf und Ab eines Bleistifts auf liniertem Papier. Eine Mine, heisst es, soll für 56 Kilometer reichen. Die Aufführung bringt die ersten acht davon. Vier hätten auch gereicht. <

 

An jedem vierten Samstag sendet der Deutschlandfunk das Hörspiel des Monats: Die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt am Main zeichnet nämlich jeden Monat ein Hörspiel aus den Produktionen der ARD-Anstalten (und zuweilen auch von SRF) aus, und dieses ausgezeichnete Hörspiel geht dann um 20 Uhr über den Sender. Wenn die Bühnen Bern "Von schlechten Eltern" von Tom Kummer einreichen würden, wäre nicht ausgeschlossen, dass das Stück angenommen würde. Die Stimmen der drei Darsteller Kilian Land, Jonathan Loosli und Jan Maak werden von Regisseur Tilman Köhler ausnehmend sensibel geführt. Kein falscher Ton. Keine hohle Stelle. Man könnte die Aufzeichnung aus dem Berner Vidmarhallen tel quel übernehmen und ohne Schnitt über den Äther verbreiten – oder doch beinah.

 

Natürlich würde das Bild wegfallen. Aber die Rauminstallation von Karoly Risz und das Licht von Hanspeter Liechti bilden, zusammen mit der Musik von Jacob Suske, nur den Teppich für das Wort, das oft aus weissem, waberndem Nebel auftaucht. Dass die drei Körper, die es sprechen, Konstellationen bilden und sich im Raum bewegen, ist fürs Zuschauerauge zwar angenehm, hat aber nur eine illustrative, keine inhaltliche Bedeutung. Das bewegte Bild kann deshalb ohne Schaden fürs Hörspiel vernachlässigt werden.

 

Fürs Hörspiel des Monats werden gern Produktionen eingereicht, bei denen ein von einem Ich erzählter Text (Roman, Erzählung) auf verschiedene Sprecher aufgeteilt wurde, so dass die Narration den Charakter einer musikalischen Komposition annimmt, wo die Themen von einer Stimme zur andern laufen, sich spiegeln und wiederholen wie in einem Sonatensatz. Also statt Realität (Tatort) Artifizialität (Radiokunst).

 

Zwei Hindernisse jedoch stünden einer Ausstrahlung von Tom Kummers "Von schlechten Eltern" entgegen. Erstens: Die Länge. Beim Radio liebt man Formate um die 60 Minuten. Man müsste also die Aufnahme um die Hälfte kürzen. Das wäre aber möglich. Ein Teil der Länge ergibt sich durch die Pausen, die wegen der Verschiebung der Schauspieler entstehen. Die würden fürs Hörspiel wegfallen. Ein anderer Teil der Länge ist der Vielzahl episodischer Facetten geschuldet, die nicht alle interessant oder wichtig sind. Straffung könnte der Produktion also gut tun; die Aufmerksamkeit der Hörer würde jedenfalls stärker belohnt.

 

Das zweite Hindernis liegt beim penetranten Bernbezug. Frau Professor Michael hätte zwar gejubelt: "Es ist so spannend; man kennt ja fast alle Strassennamen!" Doch der Autor – es war Theodor Fontane (und nicht Tom Kummer) – musste leer schlucken: "Das Urteil hat einen furchtbaren Eindruck auf mich gemacht. Das ist nun also das gebildete Publikum, für das man schreibt. Wenn ich nicht arbeiten müsste, würd ich es in einem gewissen Verzweiflungs­zustande, in dem ich mich befinde, doch wahrscheinlich aufgeben."

 

Für einen wahren Künstler ist die identifikatorische Lesart "eigentlich das Schlimmste, was ein Leser tun kann" (Vladimir Nabokov). Nun aber bedient "Von schlechten Eltern" gerade dieses Verhalten und gibt, wie die Theaterleute sagen, dem Affen Zucker. Aber so funktioniert das Publikum: "Der Mensch ist ein Affe. Er tut nichts lieber, als sich im Spiegel zu betrachten", stellte Theaterdirektor Alex Freihart vor fünfzig Jahren fest. Das Berner Schauspiel löst seine Beobachtung ein. Für den Deutschlandfunk allerdings wäre der Bernbezug ein Ausschlussgrund. Um dort anzukommen, müsste der Autor Berliner Strassennamen wählen.

 

Nun könnte man einwenden: "Moment mal, das eigentliche Thema ist doch der Tod, die Schwermut, die Sehnsucht nach der Selbstaufgabe!" Ja, das stimmt. Aber wann hat in der Kunst je das Thema den Wert definiert? Dann hätte Cézanne ja Totenköpfe malen müssen statt Äpfeln! Und Flaubert die Enthauptung der Marie Antoinette zum Roman verarbeiten müssen und nicht das Fait divers aus dem normannischen Dorf Ry, wo Delphine Delamare aus Langeweile die Ehe brach, Schulden machte und sich 1848 vergiftete.

 

Hörspiel des Monats ist also keine Option für "Von schlechten Eltern". Die Produktion wird in Köniz bleiben müssen, zwischen den Bushaltestellen Hessstrasse und Hardegg-Vidmar. Dort ist ihr Platz.

 

Die Themen laufen von ... 

... einem zum andern ... 

... wie in der Musik. 

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