Nachtschwarze Bühne. © Janosch Abel.

 

 

Don Carlos. Giuseppe Verdi.

Oper.

Nicholas Carter, Marco Štorman, Frauke Löffel. Bühnen Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 17. Oktober 2021.

 

> Nach der Premiere kommen zwei angesäuselte SCB-Fans am Stadttheater vorbei: "Unsere Führer sind alles Idioten!" Genau dieses Thema bringt im Haus auch Verdis Schreckensoper zur Darstellung. Und darum fällt es schwer, "Don Carlos" uneingeschränkt zu loben. Die Oper spielt, wie wir heute sagen, auf der Führungsebene. Zur Bemäntelung von Manipulation und Macht sündigen Kirche und Thron unablässig gegen das zweite Gebot: "Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen." Doch vor der politischen Problematik flüchtet die Inszenierung in die ideenarme, manchmal schmerzhaft peinliche Konventionalität der 1950er Jahre. So ist die Aufführung in Bern je nach Gesichtspunkt ein Ärgernis oder eine Wonne. Die Komposition, die Stimmen, das Berner Symphonieorchester (überragend geleitet vom neuen Chefdirigenten Nicholas Carter!), kurz, die ganze musikalische Seite der Angelegenheit: Hauptstadttheater. Doch die Handlung, der Text, die Intrige, die Inszenierung – ein zusammenge­stiefelter Murks. Stadttheater halt nur, mit allem, was das bedeutet. <

 

Als Friedrich Schiller sich an die Abfassung von "Don Carlos, Infant von Spanien" machte, war er erst Stuttgarter Regimentsmedikus und noch nicht Jenaer Geschichtsprofessor. Wichtiger als die historische Richtigkeit war ihm deshalb der poetische Impetus, das "dramatische Gedicht" (wie er das Stück nannte).

 

So ignorierte er, dass, wie die Wissenschaft weiss, Don Carlos in Wirklichkeit stotterte, hinkte, einen Buckel trug, epileptische Anfälle hatte, dem Laster zuneigte, emotionale Instabilität zeigte und nach einem Treppensturz in milde Debilität gerutscht war. Kein Zeugnis weist darauf hin, dass er Neigung zu Elisabeth empfunden habe, auch wenn sie ihm einen Moment lang versprochen gewesen war, bevor sie sein Vater aus Anlass des Friedens von Câteau-Cambrésis geehelicht hatte.

 

Aus dem König machte Schiller einen Graubart, wo er doch beim Friedensschluss 1559 erst 32 Jahre alt gewesen war, und Don Carlos 15. Elisabeth, seine Stiefmutter, zum Zeitpunkt der Eheschliessung 14. Prinzessin Eboli, die liebestrunkene, feurige Hofdame der Königin hatte in Wirklichkeit Familie, war Mutter von zehn Kindern und trug im Gesicht eine schwarze Klappe, weil sie das rechte Auge verloren hatte.

 

So freizügig, wie Schiller, das junge Genie, zugunsten der poetischen Wirkung mit der geschichtlichen Wahrheit umgegangen war, ging nun Giseppe Verdis Librettist, der 70-jährige routinierte Vielschreiber Joseph Méry mit Schillers Drama um, das nach seinem Tod Camille du Locle, der junge Sekretär der Pariser Oper, fertigstellte.

 

Die beiden schoben die politische Dimension des Werks in den Hintergrund zugunsten der menschlichen Gegensätze, Leidenschaften und Konflikte, "und einiges taten sie aus eigenem hinzu", vermerkte Kurt Pahlen lakonisch. Was der Gelehrte mit "einiges" umschrieb, bedeutet in Wirklichkeit öde Opernroutine, unverschämte Effekthascherei und konventionelle Schablone.

 

Ausgerechnet diesem Murks begegnet nun in Bern der Regisseur Marco Štorman mit Respekt – wenn nicht Einfallslosigkeit. Auf der nachtschwarzen Bühne von Frauke Löffel lässt er die Personen nach vorne singen wie im Oratorium; das Ganze, auch in den Leidenschaften, gediegen und getragen von einer Noblesse, die auf die 1950er Jahre, namentlich Wieland Wagners Neu–Bayreuth, zurückverweist. Nichts von doppeltem Boden. Nichts von Problematisierung. Dass daneben monoman mit dem Requisit der Pistole gespielt wird, hätte -tt-, der verewigte "Bund"-Kritiker Martin Etter, nicht als "Regieidee" bezeichnet, sondern als "Mätzchen". Wer wagte es, ihm zu widersprechen?

 

"Don Carlos" zur Eröffnung der neuen Saison und der neuen Intendanz von Florian Scholz an den Bühnen Bern wäre demnach nicht des Aufmerkens wert, wenn nicht die musikalische Seite unter Leitung von Nicholas Carter das inszenatorische Minus glänzend ausbalanciert und die Aufführung in ein bemerkenswertes, ja beglückendes Plus verschoben hätte.

 

Das Wunder kommt schon in den ersten Takten der Einleitung zu Gehör. Nach ein paar energischen Streicherrhythmen steigt, gedämpft und zugleich packend, das Thema der Klage aus dem Orchestergraben, und von da an ist klar: Die Partie ist gewonnen! Das Berner Sinfonie­orchester bewegt sich auf der Höhe seiner Ausnahmemomente.

 

Wie oft haben wir geklagt, es sei zu laut. Und nun sitzt es in voller Besetzung im vergrösserten Orchestergraben, und der neue Chef zeigt gleich von Anfang an, dass es anders auch geht: Intensität statt Lautstärke. Wache Präzision statt klebriger Indifferenz. So wird nun "Don Carlos" getragen von erfülltem, genau gehaltenem Orchesterspiel. Eine Wonne.

 

Dazu kommt eine Riege exquisiter Sänger. Die Kollegen meinen zwar in der Pause, man müsse ein paar Abstufungen machen, ich aber bin überwältigt von der Einheitlichkeit der Qualität und meine, dass Bern mit ihnen eine höhere Liga erreicht habe.

 

Hugues Gall, der legendäre Direktor der Pariser Oper, arbeitete nach der Devise: "Wenn Ihnen die Inszenierung nicht gefällt, schliessen Sie die Augen. Sie bekommen immer noch einen erstklassigen musikalischen Genuss." Wer diesen Rat beim Berner "Don Carlos" befolgt, wird von der Aufführung beglückt.

 

Monomanes Gefuchtel. 

Gediegene Noblesse. 

Aber kein doppelter Boden. 

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