"Postmoderne" halt. © Vincent Pontet, coll. Comédie-Française.

 
 

 

En attendant les barbares. Fassung von Camille Bernon und Simon Bourgade nach dem Roman von John Maxwell Coetzee.

Schauspiel.

Camille Bernon, Simon Bourgade. Comédie-Française, Paris.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 23. November 2021.

 

> Ein Blick auf den Besetzungszettel, und alles ist klar. Die Uneinheitlichkeit der Aufführung, ihr schwankender Erzählverlauf, der Mangel an Logik, Begründung und Konsequenz – diese Schwächen gehen zurück auf auf einen einzigen Punkt: Selbstüberschätzung der Theaterleute. Ihr verdanken wir die heute verbreitetste Form: die "Fassung". Den Ausgangspunkt liefert meist ein Roman, aber nicht ein harmloser, kleiner, übersehener, sondern ein grosser, berühmter. Unter "Ulysses" geht es nicht. Oder "Die Strudelhofstiege". Oder "Der Mann ohne Eigenschaften". Von der Comédie-Française wird nun "Waiting for the Barbarians" des Nobelpreisträgers John Maxwell Coetzee ausgeweidet. Am Ende steht ein junger Franzose seufzend auf: "C’était long." Dafür wurde sein Leiden nicht noch durch übermässigen Applaus verlängert. <

 

Die Weisheit der Alten. 1797 verfassten Goethe und Schiller zusammen einen Aufsatz "Über epische und dramatische Dichtung". Sie gingen darin der Eigenart der erzählenden und darstellenden Künste nach. "Es ist mir dabei recht aufge­fallen", schrieb Goethe in einem Begleitbrief, "wie es kommt, dass wir Modernen die Genres so sehr zu vermischen geneigt sind, ja dass wir gar nicht einmal imstande sind, sie voneinander zu unterscheiden."

 

Diesem Durcheinander erliegt nun auch J. M. Coetzees Roman "Waiting for the Barbarians" an der Comédie-Française. Aber was kann anderes herauskommen, wenn das Theater einem epischen Verlauf hintennachhechelt? Es beugt sich bei diesem Verfahren dem Zwang zur Illustration, zur Vergröberung, zum Noch-eins-Draufhauen. Anderseits muss es aus Gründen der beschränkten Aufführungsdauer kürzen, wegschneiden – und das bedeutet: ein episches Ganzes in seiner ihm eigenen Fluidität zu Szenen und Takes zerschnipseln.

 

Bei dieser Arbeit wird das Theater zusätzlich unter Druck gesetzt von der Macht der Bildmedien. Ihre – sagen wir: Klischees prägen die Erwartungen von Zuschauern und Machern. Dass es da die Sache (im Recht spricht man von der "Einheit der Materie") zerreisst, ist nichts als folgerichtig. "Halt Postmoderne" ist indes keine Entschuldigung und auch keine Erklärung, sondern nur eine Ausrede für das Versagen, dem die Theaterleute aus Selbstüberschätzung zum Opfer gefallen sind.

 

Natürlich ist einzelnes stark. Die Stars der Comédie-Française bleiben unvergleichlich. Wie gut sie durch Körperspiel eine Gestalt herbeirufen können, wie gut sie im Dialog ein Inneres hörbar machen können, erfährt man namentlich in den beiden kurzen Momenten der Aufführung, in denen das Mikroport ausge­schaltet ist. Derweil zwei Stunden lang Kabel, Lautsprecher, Prozessoren und Relais das Frequenzband einquetschten, kann sich nun, im direkten, analogen Kontakt mit dem Zuschauerohr, die Ausdrucksdifferenziertheit der menschlichen Stimme offenbaren.

 

Im Ganzen aber steht die Comédie-Française mit "En attendant les barbares" gleich dreifach schwach da: Gegenüber den Zuschauern, dem Film und dem Roman. Statt einer reifen Frucht haben die bearbeitenden Regisseure Camille Bernon und Simon Bourgade bloss eine Zwiebel hervorgebracht: Lauter Schalen und kein Kern.

 

Die Macht unserer Bildmedien ... 

... zerreisst die Seilschaft. 

 
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