Die drei Knaben sind das Wunder. © Andreas J. Etter.

 
 

 

Die Zauberflöte. Wolfgang Amadeus Mozart.

Oper.

Carsten Kochan, Gérard Naziri. Hessisches Staatstheater Wiesbaden.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 11. Oktober 2021.

 

> Eine Provinzaufführung. Oft grottenschlecht, manchmal anständig, aber nie wirklich gut. Respekt zwingt allerdings die Tatsache ab, dass sie überhaupt stattfindet. Es ist an sich schon eine Leistung, einer Stadt von 280'000 Einwohnern Abend für Abend lebendige Kultur anzubieten und dafür eine Hundertschaft von Menschen zu beschäftigen, die zu Zeiten, wo andere feiern, mit höchster Zuverlässigkeit anspruchsvolle Leistungen erbringen – in der Technik zum Bewegen von Hubpodien, auf der Bühne zum Anpeilen von Spitzentönen, wie sie Mozart für die Königin der Nacht geschrieben hat, oder im Orchestergraben (nach einer Instrumentenpause von dreissig Minuten) zum Vollführen der Paukenschläge zur Grundierung von Sarastros Auftritt. Und dann, wenn man es am wenigsten erwartet, ereignet sich in der wohlgeölten, aber nicht immer inspirierten Routine das Theaterwunder. <

 

Das Wunder trägt drei Namen: Sebastian Scherer, Benjamin Overbeck und Siegfried Berg. Man wird bei den Gesangsagenturen vergeblich nach ihnen fragen. Sie stehen erst in den Schülerverzeichnissen des Landes Hessen – und im Register der Chorakademie Dortmund; dort unter dem Titel "Solisten des Knabenchores". Die drei Knaben singen nun an diesem Samstagabend auf der Bühne des hessischen Staatstheaters Wiesbaden in Mozarts "Zauberflöte" die drei Knaben. Und wie sie das tun, das ist das Wunder.

 

Aufhorchen lassen schon die Sicherheit, die Schönheit, das Volumen ihrer Stimmen. In Wien und Paris kann man die drei Knaben nicht besser hören. Sebastian Scherer, Benjamin Overbeck und Siegfried Berg reissen Wiesbaden aus der Provinz. Und zwar durch ein schlichtes, aber erklärliches Wunder: Sie transzendieren die Regie. Wenn Regisseur Carsten Kochan (der auch zusammen mit Gérard Naziri das anfechtbare Video montiert hat) mit Eye Candies dem Drang der Schmiere nachgibt, so verliert der Kitsch im Spiel der drei Knaben sein Gift und verwandelt sich in Anmut, Schönheit, Grazie.

 

Die Analyse dieser Transsubstantiation ist nun aber nicht im Dogmengebäude der Una Sancta Ecclesia zu finden, sondern in Heinrich von Kleists Aufsatz "Über das Marionettentheater". Die Erwachsenen, stellt der Autor dort fest, haben die Unschuld verloren. Und mit ihr den Zauber der Anmut:

 

Ich sagte, dass ich gar wohl wüsste, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewusstsein anrichtet.

 

Vom Eintritt der Reife an ist der Zustand der Natürlichkeit verloren:

 

Eine unsichtbare und unbegreifliche Gewalt schien sich, wie ein eisernes Netz, um das freie Spiel seiner Gebärden zu legen, und als ein Jahr verflossen war, war keine Spur mehr von der Lieblichkeit in ihm zu entdecken, die die Augen der Menschen sonst, die ihn umringten, ergötzt hatte.

 

Kleist schliesst:

 

Doch so, wie sich der Durchschnitt zweier Linien, auf der einen Seite eines Punkts, nach dem Durchgang durch das Unendliche, plötzlich wieder auf der andern Seite einfindet, oder das Bild des Hohlspiegels, nachdem es sich in das Unendliche entfernt hat, plötzlich wieder dicht vor uns tritt: so findet sich auch, wenn die Erkenntnis gleichsam durch ein Unendliches gegangen ist, die Grazie wieder ein; so, dass sie, zu gleicher Zeit, in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins, oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann, oder in dem Gott. Mithin, sagte ich ein wenig zerstreut, müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen, um in den Stand der Unschuld zurückzufallen? Allerdings, antwortete er, das ist das letzte Kapitel von der Geschichte der Welt.

 

Die drei Knaben nun, die auf der Bühne des Wiesbadener Staatstheaters die drei Knaben geben, wurden noch nicht aus dem Paradies verstossen, haben noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen, sind noch nicht von der Schlange der Kritik verführt worden, sondern folgen gutwillig den Anweisungen der Regie im Sinne Kleists:

 

Der Kreis ihrer Bewegungen ist zwar beschränkt; doch diejenigen, die ihnen zu Gebote stehen, vollziehen sich mit einer Ruhe, Leichtigkeit und Anmut, die jedes denkende Gemüt in Erstaunen setzen.

 

Ziererei erscheint, wie Sie wissen, wenn sich die Seele (vis motrix) in irgend einem andern Punkte befindet, als in dem Schwerpunkt der Bewegung. Da der Maschinist nun schlechthin, vermittelst des Drahtes oder Fadens, keinen andern Punkt in seiner Gewalt hat, als diesen: so sind alle übrigen Glieder, was sie sein sollen, tot, reine Pendel, und folgen dem blossen Gesetz der Schwere; eine vortreffliche Eigenschaft, die man vergebens bei dem grössesten Teil unsrer Tänzer sucht.

 

Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn Carsten Kochan seine Inszenierung am Vorbild der drei Knaben ausgerichtet hätte! Dann hätte Achim Freyer einen Kollegen bekommen, und von Wiesbaden aus wäre eine Belebung durch die Theater­landschaft gegangen, der gegenüber Paris und Wien alt ausgesehen hätten. Doch jetzt bleibt alles, wie's ist. Der Funke springt nicht über, weder auf den Rest der Aufführung noch auf die Welt.

 

Eine Provinzaufführung. 

Oft grottenschlecht. 

Manchmal anständig. 

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