Fürs Foto: Die patriarchalische Familie. © Joel Schweizer.

 

 

Nichts geschenkt! Mirjam Neidhart.

Schauspiel.

Katharina Rupp. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 4. September 2021.

 

> "Niemand", sagt das gesunde Volksempfinden, "kann einer Theatervorstellung den Beifall versagen, welche in 2 Stunden und 40 Minuten 'eine kurze Geschichte der Frauenrechte in der Schweiz' Revue passieren lässt und damit das Jubiläum zur Einführung des Frauenstimmrechts vor fünfzig Jahren begeht". Einspruch: Ich bin dieser Niemand. Ich leugne, dass ein gutes Anliegen schon ein gutes Stück macht. Ich verlange von einem Theaterabend, dass er mich herausfordert, ins Wanken bringt und Überlegungen auslöst. Ich bin begierig nach neuen Einsichten und will mich nicht bloss in meinen alten bestätigt sehen. Sonst lese ich lieber ein Buch. <

 

Der Uraufführung in Biel-Solothurn kommt der akademische Ansatz in die Quere: "Eine kurze Geschichte der Frauenrechte" gehört nicht zur Sorte der Titel, mit denen Theatervorstel­lungen überschrieben werden, sondern Einführungsvorlesungen für Absolventen des ersten Studienjahrs. Und so dröge fällt der Abend denn auch aus: Fein säuberlich bringt er eine historische Figur nach der andern, hübsch auf der Zeitachse plaziert.

 

Vielleicht sind nicht alle Frauen dem allgemeinen Publikum gleich bekannt (auch das Ensemble weiss nicht, wie man den Namen Germaine de Staëls ausspricht), aber man kann ihre Biografien in Wikipedia nachlesen (die englischen Versionen sind in der Regel die genauesten und faktenreichsten; sie kennen auch, dank jahrzehnte­langer us-amerikanischer Genderforschung, die Namen vergessener Schweizerinnen, die in der französischen und deutschsprachigen Ausgabe des Online-Lexikons nicht vorkommen), und wohin die Bewegung am Ende führte, nämlich in die Gleichberechtigung von Frau und Mann, ist sogar am Jurasüdfuss nicht gerade die überwältigendste Überraschung.

 

Damit fehlt dem Abend die Spannung. Er bringt zwar Namen (etwa den Iris von Rotens, verkörpert durch Vera Bommer), Daten, Details, ab und zu auch ein Aperçu, aber bei jeder einzelnen Information würden heutige Studenten fragen: "Muss man das wissen? Kommt es an der Prüfung vor?" Und wenn man antworten müsste: nein, würden sie den Bleistift für den Rest der Vorlesung ablegen und dem PowerPoint-Reigen nur noch mit halbgeschlossenen Augen folgen. Denn es gelingt Autorin Mirjam Neidhart nicht (auch nicht mit der Unterstützung von Katharina Rupp), einen Sog herzustellen. (Von den beiden Ausnahmen rede ich noch.)

 

Zum dramaturgischen Gebrechen, das heisst dem chronologischen, kapitelweisen Abhandeln der einzelnen Frauenfiguren, gesellt sich die Trockenheit der Materie. Die Sprache, die auf der Bühne zu hören ist, entstammt direkt dem Archiv. In Papierform sind dort aufbewahrt die Protokolle, die Zeitungsartikel, die Gerichtseingaben und -entscheide, die Gutachten, Aufsätze, Pamphlete, Vorlesungen und Vorträge, aus denen die – sagen wir: szenische Dokumentation – den ganzen Abend lang zitiert.

 

Weil nun aber eine Schreibe keine Rede ist, vernehmen wir auf der Bühne weniger menschliche Äusserungen in ihrer ganzen lebensvollen Individualität als den Staub der Epochen und das Geraschel von Papier, das vor Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten mit den allgemeinen, festgefügten Floskeln bedruckt und beschrieben wurde, deren man/frau sich im politischen Betrieb seit alters her bedient hat. (Wie es anders tönen könnte, erfährt man bei den grossen Frauenromanen Theodor Fontanes.)

 

Die Zusammenfassung des Sachverhalts zur "kurzen Geschichte der Frauenrechte" liefert der Satz von Kingsley Amis im Campus-Roman "Lucky Jim": "Es war ein perfekter Titel, denn er kristallisierte die quälende Gedankenlosigkeit des Artikels heraus, seine Trauerparade zum Gähnen zwingender Fakten und das Pseudo-Licht, das er auf historisch überwundene Probleme warf [im Original: non-problems]."

 

Herausforderung für die Inszenierung ist es nun, die frauengeschichtliche Dokumentation mit Theatermitteln zu beleben. Dafür zieht Katharina Rupp (wie wir wissen, kann sie das meisterlich) alle Register, unterstützt von einem beeindruckenden, namentlich aufgeführten Team für "Bühne und Kostüme (Konzept, Umsetzung) sowie Bühne und Kostüme (Konzept), Video, Sounddesign, Lichtgestaltung, Dramaturgie, Regieassistenz, Inspizienz, choreografische Mitarbeit, Recherche, Kostümassistenz, musikalische Einstudierung, Regiehospitanz, Dramaturgiehospitanz, Schülerhospitanz".

 

Das Ensemble spielt den attischen Chor und lockert die akademische Dürre und Gemessenheit durch Einwürfe, Fragen und Bemerkungen auf wie eine gescheite Klasse. Die geballte Ladung von Manpower kommt dem Abend fraglos zugute. Aber wichtiger ist noch, dass sich die Aufführung vor und nach der Pause zu zwei Kurzdramen ausgestaltet. In ihnen blitzt auf, was Schauspiel wäre und was Schauspiel kann.

 

Vor der Pause bringt die Bühne das Leben von Emilie Kempin-Spyri. Man hätte daraus einen Vierakter machen können/sollen, so spannend, farbenreich und leider auch tragisch verlief das Schicksal dieser ungewöhnlichen Frau, die als erste an der Universität Zürich den Privatdozenten in Jus gewann, dann an der Universität von New York Professorin wurde und am Schluss in der Irrenanstalt von Basel unterdrückt, vergessen und verlassen starb.

 

Antonia Scharl zeichnet den Bogen, den diese zarte, hochintel­ligente, mutige Frau durchlief, mit raschen, exakt gesetzten Strichen nach und macht mitleiderregend klar, was für ein vornehmer Charakter den Zeitumständen – und das heisst im Klartext: der männlichen Borniertheit – zum Opfer fiel. Und ebenso exakt, bewegend und lebenswahr gezeichnet sind in blitzlichthaften Kurzszenen die Figuren, welche die ungewöhnliche Frau umgaben: der Ehemann (Liliom Lewald, echt anrührend), Sohn und Tochter (Gabriel Noah Maurer und Silke Geertz, beide allerliebst) und der Anstaltsdirektor (Günther Baumann, schaurig).

 

Nach der Pause wird die historische Nationalratsdebatte von 1945, in der das Frauenstimmrecht wuchtig abgeschmettert wurde, als Mitspieltheater inszeniert. Barbara Grimm ordnet die Zuschauerreihen den einzelnen Parteien zu. Dann treten die Redner auf (z.B. Simon Rusch als Nationalrat Duttweiler) und sprechen die Sätze nach, die das Protokoll damals festgehalten hat. Aber eben in Form von Schreibe, nicht Rede. Immerhin, man ist animiert, amüsiert, und kann mit der Überlegenheit der Nachgeborenen auf die braven Mannen hinunterblicken. Sie litten, wie wir heute sehen, an der Unbeweglichkeit des helvetischen Kleingeists, die schon Jeremias Gotthelf diagnostiziert hat:

 

"Hansli Jowäger war ein braver Mann, und Anne Bäbi, sein Weib, meinte es auch gut, aber uf sy Gattig." Und so kommt das Drama wegen der Enge in Gang: "Aber Herr Jeses, warum liesset ihr ihn nicht impfen? Aber jetzt ist nichts anders zu machen, da muss gestorben sein, und wenn einer selig sterben kann, so geht es ihm nicht übel, und es ist immer jemand da, wo die Sache nimmt, wo er geerbt hätte. Bhütis, dafür braucht man keinen Kummer zu haben."

 

"Nichts geschenkt!" Wie sich nach dem Ende des Theaterabends von Biel-Solothurn zeigt, liegt, was den Planeten und unser Zusammenleben angeht, noch etwa gleich viel vor wie hinter uns. Und Gotthelf hätte gesagt: "Gsorget chöi mr's nid gä." (Ausgesorgt haben wir nicht.)

 

Mit Theatermitteln wird ...

... der Figurenreigen ...

... so gut es geht belebt. 

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