"Jenufa" als halbszenisches Oratorium. © Florian Spring.

 

 

Jenufa. Leoš Janáček.

Oper.

Matthew Toogood, Eva-Maria Höckmayr, Julia Rösler. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 5. Juni 2021.

 

> Das Regiekonzept ist noch das Anfechtbarste. Eva-Maria Höckmayr macht zwar nicht viel, aber das wenige ist häufig auch schon grad zu viel. Anders steht es auf der musikalischen Seite. Leoš Janáček hat eine Partitur geschrieben, vor der man nur in die Knie sinken kann. Und in Bern, wo das Orchester reduziert ist auf 16 Instrumente, Corona sei Dank!, wirft einen die Tonspur vollends um. Weil alle Stimmen solistisch besetzt sind, tritt die unerbittliche Bewegung, mit welcher der Komponist das Drama vorantreibt, unter der Leitung von Matthew Toogood scharf und eindringlich ins Ohr – und von dort weiter in den Verstand, das Gemüt und die Seele. So schenkt Konzert Theater Bern das Werk in der Reduktion – die eben auch Konzentration bedeutet – im eigentlichen Sinne neu. Ausserdem sind Jenufa mit Johanni van Oostrum und die Küsterin mit Claude Eichenberger exzeptionell besetzt. Schöner kann eine Saison nicht zuende gehen. <

 

"Jenufa" ist die letzte Produktion des Operndirektors Xavier Zuber. Er verlässt Bern nach zehn Jahren. Mit ihm gehen auch Philipp Mayer (Altgesell), Young Kwon (Dorfrichter), Eleonora Vacchi (Karolka) und Evgenia Grekova (Barena). Und es geht Chefdirigent Matthew Toogood unter Hinterlassung seines Meisterwerks: Reduktion der Orchesterfassung für "Jenufa" auf 16 Solisten. An zwei, drei Stellen mangelt es jetzt zwar an Opulenz, und die Klangfarben verfliessen nicht mehr ineinander wie beim Aquarell, sondern die Töne erscheinen als distinkte Tupfer wie beim Pointillismus; aber der Gewinn an Durchhörbar­keit wiegt das auf. Nun liegt das Spiel der unablässigen Bewegung offen, die den Grund für das Drama abgibt – und das bedeutet denn letztendlich, dass alle Figuren auf schwankendem Boden stehen. Das ist in Toogoods Reduktion (auf Deutsch: Zurück­führung) eindrücklich zu erfahren.

 

Von der Bewegung werden alle mitgerissen, sogar das unschuldige Kind, das am Anfang der Oper in Jenufa heranwächst und am Schluss steifgefroren aus dem Eis gehackt wird. Mitgerissen wird auch die Küsterin - am Anfang eine Respektsperson, am Schluss eine Mörderin: "Steinigt sie!" Mitgerissen auch Jenufa - am Anfang das schönste Mädchen mit göttlichen Apfelwangen, am Schluss eine mehrfach gezeichnete Frau: "Ich habe kein Geld, keine Ehre, und auch die Liebe, die grosse, erste Liebe, ist nun schon vorüber." Mitgerissen auch Steva - am Anfang der fescheste Bursch, der jede haben kann, am Schluss der Verfemte: "Führt mich schnell nach Haus", ruft Karolka, seine Verlobte, "Steva ist kein Mann für mich, lieber spring' ich heut' noch ins Wasser!" Mitgerissen auch Laca - aber nach oben: "Du gehst in die Welt hinaus, fängst wieder ein Leben an, und mich willst du nicht mitnehmen, Jenufa? Ich will mit dir alles gerne ertragen! Uns kann kein Leid geschehn, sind wir beide zur Tröstung beisammen!" Jenufa: "Laca, liebste Seele! O komm, komm! Jetzt fühl' ich im Herzen die Liebe, die grössere, die Gott selbst, der Herr, gern hat!" All diese Verläufe werden eingeleitet von den leisen Schlägen eines Xylophons in Achteln und synkopierten Sprüngen von Cello und Kontrabass (piano sempre marcato) – Leitmotiv des Mühlrads und der alles zermalmenden Zeit. Im Drama der Librettistin Gabriela Preissova ist mithin keine der Hauptfiguren "fertig". Jede gerät in Bewegung und steht am Schluss vor einer neuen Situation. Die Oper aber mündet ins Offene. Davor kann man nur in die Knie sinken.

 

Am gravierendsten ist die Wandlung bei der Küsterin. Das Orchester schwillt an zu einem Akkord von 14 Takten: "Nun sehe ich, dass ich mich weit mehr als dich geliebt habe, Jenufa." Mit dieser Erkenntnis lässt sich die einst stolze, dann verwirrte, und nun helle Figur abführen: "Bringt mich weg." Claude Eichenberger gestaltet den Bogen, den die Küsterin in drei Akten durchläuft, stimmlich und darstellerisch intensiv, und doch auch wieder schön und vornehm, sogar in der schrecklichen Szene, wo sie das Neugeborene in den Mühlebach trägt und dazu, wie von der Partitur verlangt, schreit, kreischt und faucht.

 

Im Zentrum des Werks aber steht die Titelfigur mit ihrem rührenden Schicksal im Auf und Ab der Gefühle: "Ach, es wird schon Abend, und Steva ist nicht zurück!" Was Johanni van Oostrum in diesem ersten Satz aus der Kehle strömt, ist pures Gold. Und die selbe Schönheit zeigt sie in den vielen grossen Momenten, an die sie Janáček heranführt, zum Beispiel im zehnminütigen Monolog in Akt 2, Szene 6: "Mutter, ich hab' den Kopf schwer, ich hab's schwer wie Blei, wie Steine drinnen; helft mir doch, ach wo seid Ihr denn?" Die 188 Takte setzen ein mit Allegro espressivo, dann folgen Presto, Adagio, Andante, Meno mosso, Allegro ... und bei diesen Tempowechseln durchwandert die Sängerin eine Tonlandschaft, die sich als Seelenlandschaft gestaltet. Das Panorama der Empfindungen reicht von der Angst bis zur Zuversicht und von der Niedergeschlagenheit bis zum Jubel. Und das ist bei der Oostrum musikalisch alles so gefasst, geformt und zur Darstellung gebracht, dass sich die Szene in die Berner Operngeschichte als Höhepunkt einschreibt.

 

Regisseurin Eva-Maria Höckmayr inszeniert die "Tragödie aus dem mährischen Landleben" grundsätzlich zurückhaltend. Sie stellt einfach die Figuren, manchmal umgeben von stummen Gruppen, in den Raum und lässt sie singen wie in einem halbszenischen Oratorium. Da sind die Interaktionen natürlich recht rudimentär. Die beiden grossen Frauen, die Jenufa und die Küsterin verkörpern, können sich selber helfen und erfüllen dank ihrer Ausstrahlung, ihres Spiels und ihres Gesangs das Profil der Rolle. Die Männer sind darstellerisch steif und unbeholfen. Im Minimalkonzept der Regisseurin aber wirkt dann jede falsche Gebärde nicht nur deplaziert, sondern peinlich. - Und falsche Gebärden passieren auch ihr: Verschiebung von Podien nach hinten und vorn und am Höhepunkt (Entdeckung des Säuglingsmords) gar nach oben (Ausstattung Julia Rösler), dann Wechsel ins Stimmungslicht (Christian Aufderstroth) wie bei Lehár im Maxim, Gefuchtel des betrunkenen Steva mit dem Flachmann und torkelndes Umfallen wie bei der Liebhaberbühne, und dazu immer wieder "Maske auf! Maske ab!" wie bei Brechts Musterinszenierungen am Berliner Ensemble. Kurz, alles was bei der Inszenierung weit hergeholt ist, ist weit hergeholt.

 

Für Operndirektor Xavier Zuber, für Chefdirigent Matthew Toogood, für Philipp Mayer (Altgesell), Young Kwon (Dorfrichter), Eleonora Vacchi (Karolka) und Evgenia Grekova (Barena) ist "Jenufa" der Schwanengesang. "Der Ausdruck passt auf Menschen, die gegen Ende ihres Lebens eine besondere Kunst entwickeln oder im hohen Alter einen Stil pflegen, der besonderen Anklang findet. Es ist ja die Regel bei Künstlern, dass ihre Spätwerke im Vergleich zu ihren früheren Werken weniger herb und streng erscheinen, sondern als ausgewogen und ausgereift, weil sie ihre Art, sich zu äussern, im Lauf der Jahre entwickelt und verfeinert haben." (Erasmus von Rotterdam)

 

Maske auf!  

Maske ab! 

 
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