Ein Glas zur Stärkung auf dem Trip. © Joel Schweizer.

 

 

Der Trip Rousseau. Dominique Ziegler.

Schauspiel.

Robin Telfer, Siegfried Mayer. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 2. Juni 2021.

 

> Der Erzählfaden folgt Rousseaus Biographie, wie er sie in den "Bekenntnissen" geschildert hat. Diese Anlage macht die Sache natürlich nicht zum Stück, sondern bloss zum szenischen Wikipedia-Eintrag. Während aber die Internet-Darstellung die Er-Form verwendet, stellt das Theater einen Schauspieler auf die Bretter, der "Ich" sagt: "Ich Rousseau stehe vor euch Zuschauern und schlingere wie ein Irrwisch zwischen den Zeiten hin und her; den Zeiten meiner Vergangenheit, meiner Erzählgegenwart und unserer gerade entstehenden Aufführung. Demzufolge spiele ich euch jetzt einzelne Szenen vor, andere rapportiere ich, wieder andere kommentiere und reflektiere ich. Dazu hilft mir das Theater mit zwei weiteren Mitspielern. Und mit Musik, Bewegung, Kostümen, Perücken, Schminke und Beleuchtung." Soweit, so gut. Doch wird das Ganze dadurch spannender als das Buch? Oder die rororo-Biographie? Oder der Wikipedia-Eintrag? Nein? Das ist jetzt aber komisch. Was lief denn da falsch? <

 

Dominique Ziegler, der Verfasser des dramatisierten Schnelldurchlaufs ("Rousseaus Leben in 100 Minuten") hat nicht auf den Rat der Alten gehört, und das ist dem Produkt schlecht bekommen. Im Jahr 14 v. Chr. rühmte Horaz in seiner "Dichtkunst" (de arte poetica) Homer dafür, dass er den trojanischen Krieg nicht "vom Ei an" (ab ovo) abspule. In der Tat: Die Geschichte beginnt damit, dass sich Zeus in Leda verliebt, sich ihr in Gestalt eines Schwans nähert, sich von ihr auf den Schoss nehmen lässt und sie im Lauf der Liebkosungen begattet. Leda gebiert ein Ei, aus dem Helena schlüpft, um die sich in der Folge der zehnjährige Krieg zwischen den Griechen und den Trojanern entfesselt, wie ihn Homer in der "Ilias" schildert. Aber der Epiker setzt eben nicht "ab ovo" ein, sondern führt den Zuhörer mitten in die Dinge: "medias in res" (Horaz).

 

Dominique Ziegler ignoriert das. Im "Trip Rousseau" lässt er die dramatisierte Biographie (meine Feder weigert sich, das Wort "Stück" zu schreiben) mit dem Einsetzen der Geburtswehen von Jean-Jacques' Mutter einsetzen. Also "ab ovo". Damit ist die Marschrichtung vorgegeben, "step by step" das Leben eines Einzelmenschen nachzuerzählen. Beim Schriftsteller Rousseau ergeben sich aus diesem Verlauf je nach Ausgabe der "Bekenntnisse" sechs-, sieben-, achthundert Buchseiten, in denen Situationen etabliert, Ereignisse geschildert, Personen gemalt und darüber hinaus philosophische, moralische und psychologische Betrachtungen angestellt werden. Das alles will Dominique Ziegler auch bringen. Aber in 100 Minuten. Die Folge ist eine verhuschte TGV-Fahrt, bei der die bedeutendsten Bahnhofs­schilder in Sekundenschnelle vorüberflitzen. Voltaire: ein Kostüm, eine Perücke, fünf Sätze – vorbei. Diderot: ein Kostüm, eine Perücke, dreimal sechs Sätze – vorbei. "Meine Oper": ein Satz – vorbei. Dabei wurde "Le Devin du village" (Musik und Text von Rousseau) am 18. Oktober 1752 zuerst in Fontainebleau vor Ludwig XV. gegeben. 1753 kam das Intermezzo nach Paris. Dort blieb es 75 Jahre auf dem Spielplan und brachte es in dieser Zeit auf 400 Vorstellungen.

 

Indem Dominique Zieglers dramatisierte Biographie dem chronologischen Verlauf folgt, bekommt sie epischen Charakter statt dramatischen: "Das wahrhaft epische Kompositionsprinzip ist die einfache Addition. Im Kleinen wie im Grossen werden selbständige Teile zusammengesetzt. Die Addition geht immer weiter. Dabei droht jene Langeweile, die zum Beispiel Herder bei allen Epen zu empfinden bekannte." Emil Staiger: "Grundbegriffe der Poetik". Die Weisheit der Alten.

 

In Biel-Solothurn übernimmt nun Regisseur Robin Telfer den Geschwindschritt der Vorlage und lässt alle Episodenfiguren in karikaturesker Schärfe aufblitzen. Bei dieser Auffassung der Dinge verliert Rousseaus Charakter - und auch seine Erzählweise - die Beschaulichkeit der Introspektion. Im Original liest man, zum Beispiel in den "Träumereien des einsamen Spaziergängers": "Ich flüchtete mich vom Tisch weg und ging für mich allein in ein Boot, das ich, wenn das Wasser ruhig war, in die Mitte des Sees führte, und da, ausgestreckt im Boot und die Augen auf den Himmel gerichtet, liess ich mich langsam treiben und abdriften von der Strömung des Wassers, manchmal während mehrerer Stunden, verloren in hundert wirren, aber köstlichen Träumereien, und ohne einen definierten oder festen Gegenstand schienen sie mir hundertmal anziehender als alles Süsse, das man die Vergnügungen des Lebens nennt." Bei Liliom Lewald dagegen erscheint die Titelfigur als adrenalingesteuertes ADHS-Kind, dem man weder den stillen Botaniker noch den überlegenen Verfasser von Gesellschafts­theorien noch den geduldigen Kopisten von Musikpartituren abnimmt. Damit führt der gewählte Stil weit weg von der Wirklichkeit der Sache. Was die Bühne zeigt, ist lediglich ein "Trip", nicht Rousseau.

 

Das hindert natürlich die Beteiligten nicht, ihren Spass zu haben, werden sie doch alle gefordert: Antonia Scharl spielt nacheinander Madame de Warens, Thérèse Levasseur, Voltaire, Robbespierre, "Chor u.a." und Pascal Goffin Monsieur Lambercier, Diderot, Grimm, Madame Levasseur, "Chor u.a." Hinter den Kulissen helfen Garderobieren, Maskenbildnerinnen und Requisiteusen mit fliegenden Händen den Episodendar­stellern beim sekundenschnellen Kostümwechsel, und die Plazierung der 1001 verstreuten Gegenstände auf der Bühne von Siegfried Mayer verlangt an jedem Aufführungstag ein ausgeklügeltes generalstäbliches Dispositiv.

 

Auf diese Weise kommt die Truppe Abend für Abend vor und hinter der Bühne auf ihre Rechnung. Doch im übrigen verhält es sich bei der Herstellung von Theater wie mit der Herstellung von Büchern: "Literatur, die den vergnügt, der sie macht, langweilt den, der sie liest." (Nicolás Gómez Dávila)

 

Der Autor des "Gesell-

schaftsvertrags" ... 

... mit dem Verfasser des "Kapitals". 

 
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