Marion Grange: Beeindruckend engagiertes Spiel. © Suzanne Schwierz.

 

 

Zaïs. Jean-Philippe Rameau.

Oper.

Andreas Reize, Anna Drescher, Tatjana Ivschina, Mario Bösemann, Maximilian Hagemeyer. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 31. Mai 2021.

 

> Je weiter die Aufführung fortschreitet, desto bezwingender wird das Regiekonzept. Das muss einer können (in Wirklichkeit eine): die ganze Welt von der Schäferidylle bis zum Olymp dergestalt auf die Bühne bringen, dass einen zuerst der Humor, dann der Ernst und schliesslich die Tragik gefangennimmt. Unheimlich, wie konsequent die Schraube angezogen wird, und zwar bis zum letzten Takt. Mitvollzogen wird die konsequente Steigerung von einem kongenialen Bühnenbild, das sich zunehmend leert, je tiefer die Aufführung wird. - Für Biel-Solothurn sind Regie, Bühnenbild und Beleuchtung ganz grosse Klasse, ja Weltniveau. Die Instrumentalnummern stehen nicht weit dahinter. Aber bei den sängerischen Leistungen hört man den ganzen Abend hindurch, dass das Theater am Jurasüdfuss punkto Gage mit den Grossen nicht mithalten kann. <

 

Korrekterweise müsste die Oper nach der Frau benannt werden und den Titel "Zélidie" tragen. Denn Zélidie steht im Zentrum. Mit ihr wird gespielt; ihr wird mitgespielt. Die Handlung folgt dem Schema "Prinz liebt Bürgermädchen". In der Antike ist es Zeus, der die einfachen, gutartigen Gemüter verführt und schwängert. Immerhin entstehen dann so fantastische Kinder wie Herkules (der stärkste Mann der Welt) und Helena (die schönste Frau der Welt). Im Christentum zeugt der Herr der Heerscharen in Nazareth mit einer Jungfrau den Retter der Welt. In Versailles bringt der Sonnenkönig mit den "Maîtresses en titre" und anderen Opfern seiner Lust eine ansehnliche Schar von Bastarden hervor, die er gern mit einem Offizierspatent versieht. Das Schema wandert ins Märchen (Undine), in den Roman (Irrungen, Wirrungen), in die Politik (Clinton – Lewinsky), und, gerade diesen Winter noch, in die Kulissen des Opernhauses Zürich (Operndirektor Fichtenholz).

 

Also. Die Frau wird erprobt. Die Frau wird geprüft. Der Frau wird mitgespielt. Eigentlich müsste das Drama ihren Namen tragen. Aber der Mann hat mehr zu sagen – und in der Oper von Jean-Philippe Rameau, die jetzt in Biel-Solothurn gegeben wird, auch mehr zu singen. Darum heisst das Werk "Zaïs" und nicht "Zélidie". - Doch nachdem Zélidie ihre Treue unter Beweis gestellt hat, wird sie zur Belohnung unter die Unsterblichen aufgenommen. Höher hinauf, meinte man im Ancien Régime, könnten die Träume eines Menschen gar nicht reichen. Daneben leistet auch Zaïs seinen Teil: Er ist einen Moment lang bereit, auf die Unsterblich­keit zu verzichten, um an der Seite der Geliebten alt und runzlig ins Grab zu sinken. Am Ende belohnt Amor die geprüfte und bewiesene Liebe der Frau durch Beförderung neben den Gatten in den Stand der Göttlichkeit.

 

Regisseurin Anna Drescher reisst indes der "fabula" "Schicht für Schicht" (so der Titel des Programmheft-Interviews) die Schleier weg. Wir haben damit in der Aufführung zwei Verläufe: einen herkömmlichen (Bewältigung der Liebesprobe) und einen ungewöhnlichen (Blosslegung der Spielstrukturen). Der ungewöhnliche ist der spannendere. Er schafft, indem er "Schicht für Schicht" vorgeht, Zusammenhänge über das ganze Werk, und dadurch entsteht Erkenntnis. Offensichtlich war da ein aussergewöhnliches analytisches Talent am Werk, das es nicht verschmähte, sich seinerseits erhellen zu lassen. Demzufolge findet sich auf der Besetzungsliste die nicht eben häufige Angabe: "Mitarbeit Konzeption: Maximilian Hagemeyer".

 

Das Berückende nun liegt im konkreten Fall darin, dass die "Konzeption" auf der Bühne eine solche Anschaulichkeit und Stringenz gewinnt, dass das Publikum die Oper nicht nur sieht und hört, sondern auch erlebt. Bühnenbild und Kostüme (Tatjana Ivschina), Beleuchtung (Mario Bösemann) und Regie haben sich zu einem Ganzen verflochten, das im Lauf der Aufführung ein Entzücken nach dem andern auslöst: "Zerpflücke eine Rose und jedes Blatt ist schön." (Bertolt Brecht)

 

Vier Belege: (1) Die beengten Bühnenverhältnisse werden in Dienst genommen zur Konzentration auf den Kern der Handlung und eine ausdrucksstarke Folge klug gestellter Bilder, welche die Szene anfangs aufs Idyllische zusammenziehen, dann ins Majestätische ausweiten und am Ende ins Leere führen. (2) Wenn die Arbeit der Nebenfiguren einförmig zu werden droht, legt sie die Beleuchtung in tiefe Schatten. (3) Die mann-weibliche Anlage Amors wird durch ein Kostüm zum Ausdruck gebracht, das gleichzeitig eine Sängerin und einen Sänger umfasst. (4) Das Symbol der Puppe ("Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!", Georg Büchner), in der ersten Szene noch niedlich auf der Kasperlebühne exponiert, kehrt in der letzten Szene in beklemmender theatralischer Wahrheit zurück: Der Prinz legt sein Herz einer Projektion zu Füssen, während sich die reale Geliebte zwar nicht unsichtbar, wohl aber ungesehen am Bühnenrand in Verzweiflung windet, bis der fallende Vorhang die Trennung zwischen der eingebildeten und der realen Geliebten besiegelt.

 

Zur Begleitung der Handlung (Uraufführung in Paris am 29. Februar 1748) schrieb Jean-Philippe Rameau eine manchmal inspirierte, oft aber bloss zweckdienliche Musik. Inspiriert ist die Ouvertüre, und inspiriert ist das Finale. Am Anfang entwickelt sich das Klanggeschehen aus perkussiven Schlägen, die das Stocksignal imitieren, mit dem früher am französischen Theater der Beginn einer Vorstellung angekündigt wurde. Die Schläge wachsen aus zum Donner und verweisen damit auf Jupiter, den Göttervater und Donnergott – und damit auf das himmlische Ebenbild des absoluten Fürsten. Wenn die Donnerschläge am Schluss wiederkommen, verkündigen sie im Werk von 1748 die absolute Überlegenheit des "deus ex machina" und auf der Bühne von 2021 den Hagel der Schicksalsschläge, wie er im Hashtag MeToo zum Ausdruck kommt. Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn verwirklicht diese Stellen, ja die ganze Partitur, inspiriert, energisch und zuverlässig, geführt vom überlegenen Barock-Spezialisten Andreas Reize.

 

In den Gesangsnummern nimmt sich die Musik zurück zur Zweckdienlichkeit. Nun sollen sich die Stimmen entfalten können. Doch in Biel-Solothurn können sie's nicht. Es fehlt ihnen an Geschmeidigkeit (Ausnahme: Wolfgang Resch). Sie sind zu laut, sie sind zu gross. Alle verfehlen auch den Klang der französischen Laute, und Zaïs-Darsteller Sebastian Monti obendrein den Rhythmus der Sätze – im Gegensatz zu Rameau, der ihn strikte wiedergibt. Damit bietet Monti dem Ohr nicht mehr als grelle Vokalisen, verbunden mit problematischem Registerwechsel. Bei Marion Grange, der Darstellerin der Zélidie, sind Diminuendo und Piano ebenfalls unhörbar. Sie entschädigt aber durch beeindruckend engagiertes Spiel.

 

Stimmfetischisten werden also in Biel-Solothurn nicht auf ihre Rechnung kommen. Dafür aber alle anderen, die nicht vergessen, Empfänglichkeit, Herz und Verstand ins Opernhaus mitzunehmen.

 

Beleuchtung, Bühnenbild ...

... und Kostüme ... 

... im Dienst des Dramas. 

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