Genial einfaches Bühnenbild. © Joel Schweizer.

 

 

Die Mitwisser. Philipp Löhle.

Boulevardkomödie.

Katharina Rupp, Karin Fritz. Theater Orchester Biel Solothurn.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 27. Mai 2021.

 

> Das Stück ist zu dünn. Damit haben die Personen kein Volumen. Sie haben nur einen Beruf und einen Zivilstand. Das aber genügt nicht, um Sympathie, Mitgefühl, Interesse zu wecken. Die Gleichgültigkeit wird verstärkt durch den Umstand, dass die Boulevardkomödie eine epische Struktur hat. Epos bedeutet: einem Faden folgen. Dann, und dann, und dann, und dann ... Episode folgt auf Episode, und schrittweise geht es dem Ende zu. Drama indes bedeutet Kampf der Gegensätze. Hier erwächst die Spannung aus der Frage: Wer wird siegen? Bei den "Mitwissern" ist das nach wenigen Minuten klar. Es geht um die Gefahren des Datenmissbrauchs. Doch Achtung! Gute Absichten haben noch selten gute Literatur hervorgebracht. Und gute Komödien noch viel seltener. <

 

Also. Das Stück – sein Autor Philipp Löhle nennt es "eine Idiotie" – will davor warnen, die Krake von Big Data in unserem Leben heimisch werden zu lassen. Sie wird uns, sagt er (wissen wir), strangulieren. Unsere Beziehungen werden, sagt er (wissen wir), durch sie untergehen. Und damit stossen wir auch schon auf die drei Geburtsgebrechen, die der Boulevard­komödie ihre Lebensfähigkeit rauben.

 

1. Die Banalität. Die Handlung beruht auf dem Prinzip: Es ist so, wie's ist, und es kommt so, wie's muss. Doch Vorhersehbarkeit bedeutet das Gegenteil von Spannung. Der Kitzel rührt dann einzig noch vom Wiedererkennungseffekt her, der dadurch entsteht, dass Momente eintreten, die wir aus unserem Leben schon kennen. Doch die platte Wiedergabe der Realität steht künstlerisch nicht in hohem Ansehen, weil sie vom Primitivsten ausgeht: "Der Mensch ist ein Affe. Er macht nichts lieber, als sich im Spiegel zu betrachten", sagte Alex Freihart, Direktor des Städtebundtheaters Biel-Solothurn 1976, Jahrzehnte vor der Erfindung des Selfies. Diese Spiegellust bedient nun die Idiotie von A bis Z: Sie zeigt Menschen, die wir kennen, in Situationen, die wir kennen. Erkenntnisgewinn: null.

 

2. Das tote Personal. Die Handlung beginnt damit, dass der Mann eines kinderlosen jüngeren Ehepaars eines Tages einen Roboterassistenten ins Haus bringt: "Er kostet nichts!" Man muss nur unterschreiben, dass man die allgemeinen Geschäfts­bedingungen gründlich gelesen und akzeptiert hat, die in einem dicken Ringordner stehen (bekannte Situation). Nun aber ist der Roboterassistent nicht nur zivilisatorisch, sondern auch dramaturgisch fatal. Er hat nämlich keine Persönlichkeit. Die Interaktionen mit ihm beschränken sich auf die Sachebene. Doch solange der Roboter seelisch tot bleibt, kann es zwischen ihm und dem Menschen nicht zu knistern beginnen. Da kann der Mensch ausrasten, wie er will, die Beziehung wird einseitig bleiben. Auf der Bühne führt der Mangel an "Response" zu immer grösserem Gefuchtel. Aber lebendig werden die Szenen dadurch nicht.

 

3. Die Einförmigkeit. Je mehr Raum der Mensch dem Roboter überlässt, desto weiter geht es mit dem Menschen den Bach runter. Er verliert seine Arbeit, seinen Status, seine Würde. Immer deutlicher tritt hervor, dass er, wie schon Freud zeigte, im Grunde nur von zwei Impulsen angetrieben wird: "Ich will!" und: "Ich will nicht!" Diese Banalität ist zwar traurig, aber dramaturgisch lediglich einförmig.

 

Damit das Stück auf der Bühne zieht, so gut es kann, muss ihm ein rascher Situationen- und Personalwechsel zuhilfe kommen. Karin Fritz (auch Kostüme) erfindet dafür ein genial einfaches Dekor, das mit wenigen Requisiten starke Effekte herstellt. Es ist nicht abwegig, in diesem Zusammenhang von Minimal Art zu sprechen. Jedesmal, wenn der Zwischenvorhang weggeschoben wird, reagiert das Auge mit einem "Ah!". Und mit dem gleichen Laut der Überraschung reagiert es auf den Auftritt der Schauspieler. Atina Tabé, Sandro Howald und Jonas Hannes Goltz (Achtung: Das S sprechen lernen!) rufen durch virtuoses Spiel mit Kostümen, Perücken und Haltungen die verschiedenen Episodenfiguren wirkungssicher hervor (oft nur, wie es die Rasanz verlangt, für wenige Minuten), daneben gibt Günter Baumann den Roboterassistenten hübsch ungerührt, und Liliom Lewald und Antonia Scharl das mittelständische Ehepaar ebenso hübsch verzappelt.

 

Schauspieldirektorin Katharina Rupp hat die Spielplanposition "aktuelle Boulevardkomödie mit politisch-gesellschaftlichem Einschlag" selbst inszeniert. Doch ihr sauberes Handwerk unterstreicht nur die Gleichförmigkeit des Trotts. Je länger sich die Aufführung hinzieht (insgesamt 1 Stunde 45 Minuten ohne Pause), desto stärker wächst die Enttäuschung über den Mangel an Vielfalt und Tiefe. Nach 1 Stunde und 36 Minuten stellt sich die Frage: "Lohnt es sich, die verbleibenden 9 Minuten noch abzusitzen und dafür, dem schlechten Fahrplan geschuldet, 1 Stunde später nach Hause zu kommen?" Die Antwort ist nein, obwohl 9 Minuten vor Schluss noch nicht absehbar ist, wie der Autor seine Idiotie zu Ende bringen wird. Eine Heirat lässt sich, mangels Kandidaten, ausschliessen. Vielleicht, dass die AGB, die in der ersten Szene exponiert wurden, einen überraschenden Dreh produzieren werden. Aber er wird das Stück nicht retten. Am wahrschein­lichsten ist, dass die Sache am Endpunkt erstarren wird.

 

Nun, gottlob gibt es das Programmheft. Es wird im fahrenden Zug die Aufklärung bringen können. Denn in Biel-Solothurn enthält es stets eine Zusammenfassung der Handlung auf Deutsch und Französisch. Da ist zu lesen: "Theo [der Ehemann] versucht, dem System zu entkommen, und entscheidet sich, zum Peifenbläser zu werden." An dieser Stelle ereilt einen die Strafe für den vorzeitigen Aufbruch. "Peifenbläser?" Nie gehört. Aber zum Glück gibt es den Duden online. Und was sagt der? "Peifenbläser: Leider gibt es für Ihre Suchanfrage im Wörterbuch keine Treffer." So ging auch das daneben.

 

Big Data. 

Episodenfiguren. 

Kostüme, Haare, Haltungen. 

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