Übertreiben, vergrössern: Vierzehn Flaschen am Boden, die letzte, halbvolle, an der Kehle. © Annette Boutellier.

 

 

Onkel Wanja. Anton Tschechow.

Schauspiel.                  

Kieran Joel. Konzert Theater Bern.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 21. Mai 2021.

 

> Vom Berner Schauspiel wird "Onkel Wanja" nicht dargestellt, sondern ausgestellt. Das heisst: Die Aufführung zeigt nicht Personen, sondern Positionen. Die Handlung besteht nicht aus Dialogen, sondern aus Deklarationen. Zwischentöne, Schat­tierungen und Abstufungen treten zurück zugunsten des groben Strichs. Was bringt's? Nun, mal was anderes – und doch nicht ganz. Die Regiesprache äussert sich im konventionellen Stil unserer Gegenwart, und die Handlung spielt wieder im Wasserbecken wie vor zwei Jahren (überwältigend suggestiv) in Pinters "Mondlicht". Dort funktionierte das Konzept. Bei "Onkel Wanja" nicht. Warum? Der falsche Regisseur kam mit dem falschen Stück zusammen. <

 

Die Regiesprache, derer sich Kieran Joel (36) bedient, kam durch den 35-jährigen Hansgünther Heyme 1970 zum ersten Mal nach Bern. 1965 hatte der Jungstar mit seinem neuentwickelten Stil am Berliner Theatertreffen Furore gemacht. Nun durfte er am Kornhausplatz zeigen, wie man ein Stück "kritisch" auseinandernimmt: Es geschieht durch Vergröbern, Vergrössern und Übertreiben. Die Aktion wird absichtlich im falschen Ton gesprochen – soll also psychologisch unglaubhaft wirken, damit nicht etwa die Emotion und Befindlichkeit der dargestellten Person zum Ausdruck kommt, sondern das Verlogene, Konventionelle, "Uneigentliche" ihrer Sozialisation und Redeweise.

 

Die Bewegungen, die die Schauspieler machen, werden, wie in der Slapstickkomik der Stummfilmzeit, wiederholt; auf diese Weise wird der Anschein unterbunden, die Gestik sei durch eine Seelenregung motiviert. Vielmehr soll der Zuschauer die Gebärden als "Zeichen" verstehen, die auf einen "Mechanismus" hindeuten, der wiederum von einem "System" "geprägt" ist. Diese Auffassung war damals die angesagte, "progressive", moderne. Sie kam aus der Pariser Schule von Lacan, Derrida, Bourdieu et tutti quanti. Aufgabe der "engagierten" Intellektuellen und Künstler war es zu "dekuvrieren": "Falsche Zustände" des Bewusstseins und der Gesellschaft. Ihnen musste man "den Marsch blasen".

 

Der hochangesehene C.C. (Dr. Charles Cornu, Feuilletonchef des "Bund" und damit Stammkritiker des Stadttheaters) konnte Hansgünther Heymes Arbeit den Beifall nicht versagen. Denn das Stück, das damals (oh, nur mässig!) "zertrümmert" wurde, war "Die Stützen der Gesellschaft" von Henrik Ibsen. Und da ging es ja von der ganzen Anlage her ums Dekuvrieren von falschen Zuständen der Gesellschaft und des Bewusstseins. Die Übertreibung war deshalb nicht sinnlos, sondern erhellend.

 

Nun aber wendet Kieran Joel den Regiestil, den Hansgünther Heyme vor einem halben Jahrhundert nach Bern gebracht hat, auf Anton Tschechows "Onkel Wanja" an – und damit aufs falsche Stück. Denn bei diesen "Szenen aus dem Landleben" geht es Tschechow nicht um die Denunziation einer Generation, die ihre Aufgabe verraten hat wie bei Gorki: "Ich wollte jenen Teil der russischen Intelligenz darstellen, der aus den demokratischen Schichten hervorgegangen war und – nachdem er eine gewisse Höhe der sozialen Stellung erreicht hatte – die Verbindung mit dem ihm blutsverwandten Volk verlor, dessen Interessen – nämlich, dass es die Tore des Lebens vor dem Volk weit zu öffnen galt – vergass ... Das ist das Drama, wie ich es auffasse."

 

Bei "Onkel Wanja" aber ist das, sagen wir: russische Elend zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende existenziell bedingt, nicht gesellschaftlich. "Alle Mitspieler sind der Leere eines unerfüllten, erniedrigenden Lebens ausgesetzt", konstatiert Manfred Grunert. Zu ihrer Darstellung ist deshalb der Stil des Besserwissens, der Häme und Denunziation unangebracht. Denn dieser Stil verlangt Respektlosigkeit gegenüber den Figuren und dem Stück. Manchmal ist sie gerechtfertigt. Gegenüber Tschechow aber bedeutet sie Hybris (zu deutsch: Vermessenheit; man könnte auch sagen: das falsche Mass). – Dazu Manfred Grunert:

 

Das Schauspiel, in Stanislawskis Musterinszenierung berühmt geworden, erhält seine Bühnenwirksamkeit nicht aus der im Grunde undramatischen Handlung. Alles Grelle, Auffällige und Laute ist ausgespart – abgesehen von zwei Pistolenschüssen, die lächerlicherweise fehlgehen und so noch die Zwecklosigkeit jeder wirklichen Tat unterstreichen. Aber gerade das "Nichts" im Leben all dieser Menschen ist es, das plötzlich Erregung und Spannung provoziert. In scheinbar zusammenhanglosen Repliken, in alltäglichen Dialogen, hingeträumten poetischen Monologen, in leitmotivischem Gitarrengeklimper, in stereotypem Pfeifen, vor allem aber in den Pausen, die ein nicht ganz ausgesprochener Satz, ein nur angerissener Gedanke hinterlässt, wird diese erregende, krankhaft nervöse, dabei aber unterkühlte Stimmung dem Zuschauer mitgeteilt. Die Atmosphäre einer Endzeit lastet auf diesem Stück der Resignation. Der Arzt Astrow vermeint zwar, das Neue schon zu sehen, doch zeigt es sich eben nur aus weiter Ferne: Der "Weg zum Glück", sagt er, werde erst in ein- oder zweihundert Jahren zu finden sein. Für ihn aber, wie für die anderen Figuren des Stücks, gilt es, sich weiterhin mit jenem Zustand abzufinden, für den zwei merkwürdige Bühnenrequisiten das Symbol sind: In Onkel Wanjas Zimmer hängt "ganz unnütz" eine Karte von Afrika (die Freiheit und Weite verheisst) und neben ihr ein Vogelkäfig – das Gefängnis eines Stars.

 

Selbstverständlich sind die "merk-würdigen Bühnenrequisiten" in Bern gestrichen zugunsten naturalistischer Gegenstände wie Strohballen, Wodkaflaschen, Teetassen und unablässig niederrauschender Regentropfen. Sie haben schon den ganzen Bühnenboden überschwemmt. Die Darsteller waten deshalb durch knöcheltiefes Wasser wie vor zwei Jahren – ebenfalls in Vidmar – bei Harold Pinters "Mondlicht", vor vier Jahren bei Henrik Ibsens "Nora" und vor sechs Jahren bei David Greigs und Gordon McIntyres "Sommernacht". Doch diesmal hat das Wasser keine symbolische Bedeutung, ausser der, anzugeben, dass es nicht tief sei.

 

Wie anders wäre es herausgekommen, wenn das Berner Schauspiel Kieran Joel mit einem Stück betraut hätte, das nach Aufdeckung durch Vergrösserung, Übertreibung und groteske Figuren­zeichnung schreit: etwa "Arturo Ui" von Bertolt Brecht oder, noch spannender, "Die letzten Tage der Menschheit" von Karl Kraus. Bei diesen Brocken hätte Kieran Joels grosse Kelle zu einem Ereignis geführt. Bei "Onkel Wanja" wurde sie bloss zum Unglück fürs Stück und seine Figuren – und für den Kritiker aus Bümpliz und der Welt.

 

Darin liegt das Elend der ästhetischen Berufe: "Es tun mir viele Sachen weh, die andern nur leid tun." (Georg Christoph Lichtenberg)

 

Alle Mitspieler sind der Leere eines unerfüllten Lebens ausgesetzt. 

Die Atmosphäre einer Endzeit lastet auf diesem Stück der Resignation. 

 
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