Die Ambivalenz der Figuren. © Horn/Burgtheater.

 
 

 

 

Die Hermannsschlacht. Heinrich von Kleist.

Schauspiel.          

Martin Kušej, Martin Zehetgruber, Bert Wrede, Friedrich Rom. Burgtheater Wien

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 25. Februar 2020.

 

 

Wer in dieser Spielzeit das Burgtheater aufsucht, hört von allen Seiten: "Ich bin gespannt, was Sie dazu sagen." Am 28. November hat Intendant Martin Kušej Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht" zur Premiere gebracht; also das gleiche Stück, mit dem Vor-Vor-Vor-Vorgänger Claus Peymann seinerzeit aus Bochum in Wien eingefahren war. Zu toppen ist die Legende nicht; das steht zum vornherein fest. 


Daneben stellt sich "überhaupt" die Frage, ob das Schauspiel "heute" noch geht. Denn die Handlung läuft auf Sieg und Verherrlichung Deutschlands hinaus. Die "Heil!"-Rufe gelten zwar Hermann und nicht Adolf, aber die Botschaft, dass Germanien einen "Führer" brauche, steht seit 1808 im Text. Verständlich, dass sie den Theatern jedes Mal gelegen kam, wenn es darum ging, die Reichsidee zu feiern. Was aber lässt sich darauf antworten? 

 

Nun, es steht fest: Selten gab es eine menschlich (man könnte auch sagen: künstlerisch) anständigere Klassiker-Aufführung als Martin Kušejs "Hermannsschlacht". Auch nicht zur Peymann-Zeit. Der Ansatz ist derart mutig, dass der Intendant selbst dafür hinstehen muss. Er sagt nämlich: Zeigen wir das Stück, wie es ist. Urteilen können die Leute selbst.

 

Und so entfaltet sich jetzt eine Aufführung von grosser Klarheit und Ruhe. Man sieht, wie die dramatischen Gewichte verteilt sind, wer welche Rolle spielt und wie überlegen Hermann die Fäden zieht. Er ist kein Volks(ver)führer, sondern ein Stratege. Und Realpolitiker obendrein. Für den Sieg ist ihm alles recht. Auch List, Täuschung, Verrat. Naiv, wer anderes glaubt. Hermann übertölpelt ihn oder bringt ihn um.

 

Kušej braucht nichts dazu zu tun, um die Fragwürdigkeit des Verlaufs und die Ambivalenz beziehungsweise Beschränktheit der Figuren herauszustreichen. Kleist, der Künstler, hat sie nicht unterschlagen. Es genügt, sie ehrlich und redlich zur Darstellung zu bringen, und schon gehen einem die Augen auf. Wie sagte Dürrenmatt? "Man spiele den Vordergrund richtig, den ich gebe, der Hintergrund wird sich von selber einstellen." Bei der "Hermannsschlacht" bestätigt sich die Richtigkeit des Konzepts.

 

Mit derselben anständigen Zurückhaltung, die aufdeckt, indem sie darstellt, operiert auch die Musik von Bert Wrede, das Licht von Friedrich Rom und die Bühne von Martin Zehetgruber. Damit ist die Produktion aus einem Guss. Sie ist klug, und sie gibt zu denken. Sie ist handwerklich einwandfrei und wird der Aufgabe gerecht, wachen, intelligenten Menschen, die keine Bevormundung brauchen, ein schwieriges Stück in seiner ganzen Anfechtbarkeit zu zeigen. – Mit dieser Haltung ist die Produktion an sich schon politisch. Wer das nicht erkennt, ist auch für manches andere blind. So wird "Die Hermannsschlacht" am Ende zum Sehschärfe-Test.

Die Naive und der Stratege.

Krieg ist kein Spiel.