soeben erschienen:

 

 

Das Buch des Kritikers:

 

Johannes von Müller: Genie im Zwielicht

 

(Auszüge)

 

Johannes von Müller, bereits als 23jähriger von Voltaire als Tacitus der Schweiz begrüsst, genoss seit Erscheinen «Der Geschichten schweizerischer Eidge­nossenschaft [sic!]» (1786–1808) höchstes Ansehen in der gebildeten Welt. Sein Name war mindestens so bekannt wie der Goethes. Durch fünf detailreiche Bände bestimmte er das Bild der Schweiz im 19. Jahrhundert und regte Schiller an, den Tell zu schreiben. Die ganze Jugend, berichtet der preussische General Fried­rich August von der Marwitz, hegte für Müller den höchsten Enthusiasmus.

 

Doch dann kam der Umschlag: Müller, der Tacitus, ist von einem jungen Men­schen namens Hartenberg um 16 Tausend Gulden geprellt worden, ebenso schändlich als unglaublich. Die grössten Genies scheitern an den gemeinsten Dingen, meldet der Jurist und österreichische Diplo­mat Johann Philipp von Wessenberg seinem Bruder Ignaz Heinrich von Wessenberg; ewig schade, dass der Wert dieses Mannes durch seine verdammte Päderastie so verdunkelt worden ist.

 

Aus Wien schreibt Andreas Bellois, der Diener, an Müllers Bruder: Er sitzt ganze Abende ohne Licht und weint. «Bellois», sagte er, «ich weiss mir nicht anders zu helfen, als dass ich meine Bibliothek verkaufe», und fing an zu weinen. Seinem Freund Bonstetten gesteht Müller, er sei durch die Geschichte gänzlich ruiniert und befinde sich in den grössten Verlegenheiten.

 

Germaine de Staël lädt Müller zu sich ins Schloss Coppet am Genfersee ein. Dort erwartet ihn bereits August Wilhelm Schlegel: Die Küche ist vortrefflich, auch für die Gesundheit, ich bleibe bei meiner Mässig­keit, ausser dass ich ziemlich von dem leichten und angenehmen Landwein trinke, und nicht wie jedermann Wasser zugiesse. Dem Opium habe ich ganz entsagt und denke mich auch der Liköre zu entwöhnen, es sind dies doch nur leidige Notbehelfe.

 

 

> zum Buch