Was Laien gerne hören. © Gabriela Neeb.

 
 

 

Der Selbstmörder. Nikolai Erdmann.

Satirische Komödie.

Claudia Bossard, Elisabeth Weiss, Andy Besuch. Münchner Volkstheater.

Die Stimme der Kritik für Bümpliz und die Welt, 12. Januar 2023.

 

> Spielplanzufall: Am Burgtheater Wien und im Volkstheater München läuft zur gleichen Zeit Nikolai Erdmanns satirische Komödie "Der Selbstmörder". Die Wiener Produktion, ungnädig besprochen, dauert eine gute Stunde länger als die Münchner. Dafür bietet die Münchner das, was man in Wien "ausgelöstes Backhendl" nennt: Die Knochen sind entfernt, serviert werden ausschliesslich formlose, unerkennbare Fleischstücklein, die jedermann auf die Gabel stecken und runterschlucken kann. Aber Achtung! Auf die Frage: "Was ist ausgelöstes Backhendl?" meldet Google zuoberst auf der Trefferliste: "Ein ausgelöstes Backhendl bedeutet Genussverlust." <

 

An den Anfang des "west-östlichen Divans", einem seiner späten lyrischen Werke, stellte Goethe die Frage:

 

Aus wie vielen Elementen

Soll ein echtes Lied sich nähren,

Dass es Laien gern empfinden,

Meister es mit Freuden hören?

 

Für den "Selbstmörder" am Münchner Volkstheater gibt nun Claudia Bossard die Antwort: So viele Elemente wie möglich! Und alle aus dem Sortiment der gängigen Waren im Aldi-Shop des Gegenwartstheaters: Live-Video, projiziert auf die Portale links und rechts; Live-Musik mit Stücklein von Helene Fischer bis Johann Sebastian Bach; diverse Liedvorträge ins Mikrofon, unter anderem "I wui nur zruck zu dir" von Nickerbocker und Biene; ein veritables Automobil, dessen Innenraum die Schauspieler aufnehmen kann (die Kamera erfasst dann ihre Gesichter und das Mikrofon ihre Sätze); ein trashig-schräges Bühnenbild; punkig-abgefuckte Kostüme; weisser Rauch aus erotisch gehaltenen Glimmstengeln ("Gib mir auch einen Zug!"); Fremdtext-Zitate (Ingeborg Bachmann; Heinrich von Kleists Abschiedsbrief); gegenwartssprachliche Aussagen zur Befindlichkeit des Individuums in der E-Community ... und das Ganze "ausgelöst", ohne Knochen, so "dass es Laien gern empfinden".

 

Nikolai Erdmanns Satire auf die sowjetische Diktatur (nur Tote können frei reden) und die Manipulation des Einzelnen durch die Gruppe verliert nun aber den Biss, wenn die Handlung aus ihren gesellschaftlichen und politischen Umständen heraus­gelöst und unter dem Schutt der Assoziationen begraben wird. Auf der Bühne des Volkstheaters haben deshalb die Figuren keinen Kern mehr, der Konflikt keine Schärfe, und der Verlauf wirkt nicht mehr zwingend. Es passt zum Charakter des Verwaschenen, dass die Hälfte des Texts unverständlich ist. Das Ensemble hat (mit Ausnahme von Silas Breiding) seine Artikulation flötengehen lassen.

 

Dergestalt trifft für die Münchner Produktion zu, was die "Nachtkritik" etwas ungelenk über Wien berichtete: "Es ist schwer zu erklären, und zu verstehen noch mehr." Dem Volkstheater gegenüber erweist sich aber die "Süddeutsche Zeitung" in ihrem Lokalteil unendlich viel freundlicher. Sie findet "alles ungeheuer witzig", spricht huldvoll vom "goldigen Lorenz Hochhuth" als Selbstmörder und stellt nachsichtig fest: "Die Kostüme von Andy Besuch haben so viele kleine Löcher wie die Dramaturgie des Abends, was nicht weiter stört."

 

Mit ihrem Gemischtwarenladen – den sie "Fassung" nennt – bedient also Claudia Bossard am Münchner Volkstheater zum Entzücken der Laien die Mode, unbekümmert darum, dass ein Meister, Bertolt Brecht, schrieb: "In den kultivierten Ländern gibt es keine Moden. Es ist eine Ehre, den Vorbildern zu gleichen." Tempi passati.

 

Ein veritables Automobil. 

Ein bayrisches Lied. 

Ein hübsches Gesicht. 

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